DIE ENTDECKUNG DES ISLAM; Roger Du Pasquier

    Nichts auf der Erde scheint noch der Krise, welche die moderne Welt erschüttert, entgehen zu können. Es reicht nicht mehr, von der Krise der Zivilisation zu reden, denn das Phänomen hat kosmische Dimensionen angenommen. Seine unheilvollen Perspektiven zeigen sich mit einer überwältigenden Überzeugungskraft und die Angst breitet sich aus.
     Nun ist aber den Menschen gerade deswegen der Islam gegeben worden, um ihnen zu helfen, diese letzte Phase der Weltgeschichte zu durchschreiten, ohne sich darin zu verlieren. Als letzte Offenbarung des prophetischen Zyklus bietet er die Mittel, dem derzeitigen Chaos Widerstand zu leisten, die Ordnung und die innere Klarheit der Seele, sowie die Harmonie in den menschlichen Beziehungen wieder herzustellen und die höchste Bestimmung, zu deren Verwirklichung uns der Schöpfer auffordert, anzuvisieren.
     Der Islam richtet sich an den Menschen, von dem er ein tiefes und wertvolles Wissen besitzt, indem er seine Stellung in der Schöpfung und vor Gott exakt definiert.
     Das moderne Denken hat im Gegenteil dazu keine gut definierte und allgemein akzeptierte Wissenschaft des Menschen. Zwar wird eine große Anzahl verschiedener Theorien über den Menschen präsentiert, das moderne Denken beweist aber in seiner Verwirrung und in seinen Unstimmigkeiten, daß es unfähig ist, eine in sich schlüssige Definition des menschlichen Zustandes zu erstellen. In keiner anderen Zivilisation ist man dermaßen vollständig in Unkenntnis über die Fragen warum wir geboren wurden, warum wir leben und warum wir sterben werden.
     Das ist das Paradox einer Zivilisation, die sich zunächst als 'humanistisch' ausgab, d.h. die den Menschen zum Prinzip und Zweck aller Dinge machte: doch die Auffassung vom Menschen ist zersplittert. Der Evolutionismus hat aus ihm einen perfektionistischen Affen gemacht, woraufhin die Philosophie des Sinnlosen ihm den letzten Rest von logischem Zusammenhang genommen hat. Von nun an ähnelt der Mensch einem zerrütteten Hampelmann, durch einen Mechanismus verunstaltet, den er selbst ins Werk setzte, dessen ungeordnete Agitation und zunehmende Geschwindigkeit er aber nicht mehr kontrollieren kann.
     Das Leben auf der Erde, zur 'Sinnlosigkeit' erklärt, hat tatsächlich seinen Sinn verloren. Es bietet dem Menschen eine Vielfalt von Möglichkeiten und materiellen Vorteilen, von denen frühere Generationen nicht gewagt hätten zu träumen, da man jedoch nicht weiß, was der Mensch wirklich ist und was daher sein höchstes Streben ist, können alle diese Wunder nicht verhindern, daß er in Hoffnungslosigkeit zu Grunde geht.

     Trotzdem hatte die moderne Zivilisation hoch und feierlich erklärt, sie schenke der Menschheit Glück und Wohlstand. Die französische Revolution hatte die Erklärung der Menschenrechte angenommen und die amerikanische Konstitution gab vor, jedem Bürger 'das Streben nach Glück' zu garantieren. Das 19. Jahrhundert verbreitete in alle Länder des Westens und sogar darüber hinaus die große Idee des Fortschritts, nach der das goldene Zeitalter nicht geschichtlich gesehen hinter uns liege, sondern vor uns.
     Die Tatsachen haben seit langem die Auffassung, (daß das goldene Zeitalter hinter uns liegt; Anm d Ü), durch handfeste Beweise bestätigt. Die materiellen Bedingungen der unteren Schichten der westlichen Gesellschaft haben sich beträchtlich verbessert, die Ausübung der individuellen Freiheiten ist allen garantiert worden, die Wissenschaft hat dem modernen Menschen das Gefühl gegeben, unvergleichlich gebildeter zu sein, als die gelehrtesten unserer Vorfahren und der technische Fortschritt hat ihm Instrumente einer bis dahin ungeahnten Macht in die Hände gelegt.
     Auf einer anderen Ebene und auf Grund von psychologischen Theorien, die vorgeben endgültig die Gravitationsmitte der menschlichen Persönlichkeit entdeckt zu haben, d.h. auf der Ebene der Sexualität hat man dem Menschen versprochen, er könne sich selbst 'verwirklichen', wenn er jegliche Beschränkung aufhebe und allen seinen Neigungen folge. Das wurde für viele ein willkommener Vorwand, die aus der Vergangenheit geerbte Moral zu unterdrücken und sie von nun an als eine Anhäufung überkommener Vorurteile zu betrachten.
     So glaubt der moderne Mensch er sei 'erwachsen' geworden und setzt dabei stillschweigend vorraus, daß die Generationen vergangener Jahrhunderte kindhaft gewesen seien. Es gibt genug Philosophen sowie Theologen, die bereit sind, ihn in dieser Auffassung zu bestärken.
     Diese Theorien werden jedoch ganz und gar durch die ungeschminkten Tatsachen widerlegt.
     Der Erste Weltkrieg und das damit einhergehende Elend haben bereits den Optimismus der Propagandisten des neuen goldenen Zeitalters entscheidend zunichte gemacht. Das hinderte sie jedoch nicht nach Kriegsende ein herannahendes, herrliches Zeitalter des Friedens, der Gerechtigkeit und des Glücks anzukündigen, als ob die schreckliche Tragödie von Millionen von Opfern nur ein unbedeutsamer Zwischenfall gewesen wäre.
     Der noch schlimmere Zweite Weltkrieg hätte den Menschen die Unwirklichkeit ihrer Illusionen und die Gefahren progressistischer und mehr oder weniger atheistischer Theorien vor Augen führen sollen, die das Glück ausschließlich auf profanen, quantitativen und materialistischen Wegen zu erreichen suchen. Aber anstatt deren trügerischen Charakter zu entlarven und sich davon abzuwenden, um zu den mehr geistigen Werten und Traditionen zurückzukehren, haben sie stattdessen die Entwicklung zur sekulären Gesellschaft noch beschleunigt. Als sich die Versprechen von Glück und Wohlstand nicht bewahrheiteten, schlossen die Systemideologen daraus nicht etwa, daß die Theorien unbegründet und trügerisch waren, nein - stattdessen machten sie sich über die letzten Reste der althergebrachten Ordung und der traditionellen Ideen her, die sie als Hindernis auf dem Wege zum Fortschritt brandmarkten, und die es jetzt galt, so schnell wie möglich verschwinden zu lassen.
     Die sozialen Umwälzungen sind nur ein Aspekt dieser Entwicklung. Begleitet werden sie von einer Umwälzung der moralischen und psychischen Ordnung, die vorgibt, 'Vorurteile' und den 'authoritären' Geist zu eliminieren, die den Menschen hindern würden, seine volle Befreiung und somit sein Glück zu erlangen.
     Die Realität, besonders jene die man bei der Jugend feststellen kann, welche die 'anti-authoritären' Ideen angenommen hat, ist enthüllend: Nach übereinstimmendem Zeugnis steigt die Zahl der Neurosen, geistig Gestörten und der Drogenabhängigen immer weiter an, wie auch die Zahl der blinden Mitläufer von ideologischen Systemen und Führern, die in Wirklichkeit ins Gegenteil der Freiheit führen.
     Diese Zivilisation, die sich als 'humanistisch' ausgab, zielt somit auf ein System hin, das den Menschen zugleich verachtet und ihn betrügt, um ihn schließlich zu zerstören. Sie verachtet ihn, denn sie reduziert ihn auf eine bloß materielle und quantitative Ebene als Produzenten und Konsumenten; sie betrügt ihn, denn sie spiegelt ihm vor, er könne glücklich werden durch Fortschritt und wissenschaftliche Entwicklung, durch eine bessere soziale Ordung und durch die Befreiung von den letzten 'Vorurteilen' und moralischen Beschränkungen als Erben der Vergangenheit und als könne er das Leiden besiegen, ein Leiden das jedoch der menschlichen Bedingung anhaftet; und schließlich zerstört und korrumpiert sie ihn, indem sie ihn desintegriert und seinem Leben Sinn und Hoffnung nimmt.
     Darüber hinaus scheint sich das Gefühl, daß die derzeitige Ordnung der Dinge - wenn man bei einem derartigen Durcheinander überhaupt noch von Ordnung sprechen kann - eine riesiger Betrug ist, immer weiter auszubreiten und die modernen Ideologien werden mehr und mehr durch den Geist der Verneinung, des Opponierens und In-Frage-stellens und des Nihilismus angegriffen. Diese Ideologien, einschließlich der Marxismus, verlieren am Ende immer an Glaubwürdigkeit, da sie unfähig sind, die wichtigsten Fragen nach dem Sinn unseres Lebens und den Ursachen unseres Erdendaseins zu beantworten. Ihre Unkenntnis darüber, daß der Mensch zu guterletzt durch das Absolute definiert ist und daß er im Tiefsten seiner selbst nichts anderes als dieses sucht, sei es bewußt oder unbewußt, macht sie schließlich so vergeblich und ineffizient.
     Die menschliche Bedingung hat jedoch nicht ihre Berechtigung und ganze Vervollkommnung auf der horizontalen, weltlichen Ebene, denn sie enthält eine wesentliches und zentrales Streben zur Transzendenz. Anders als die anderen Geschöpfe fühlt der Mensch das fundamentale Bedürfnis, sich selbst zu übertreffen und nach diesem Absoluten zu trachten, das schon hienieden zu begreifen möglich ist. Deshalb kann das Relative, das man ihm in dieser Vielfalt anbietet, seinen Hunger nicht stillen und schließlich bekommt es einen bitteren Geschmack.
     Bezeichnenderweise haben sich 'die Opponierenden' vor allem in den industrialisierten Ländern auf der Ebene des höheren Lebenstandards, wo alle materiellen Vorteile jedem zur Verfügung stehen, entwickelt. Und doch ist die moderne Zivilisation für den Menschen unannehmbar, denn obwohl sie ihm - außer dem Wesentlichen - alles anbietet, erscheint sie ihm sinnentblößt. Noch nie sind ihm so viele und erstaunliche Möglichkeiten der Unterhaltung und des Vergnügens geboten worden, und doch langweilt er sich so. Die außerordentlichen Errungenschaften der Wissenschaft und Technik, ob es sich um Farbfernseher handelt, um die 'Eroberung des Weltalls', oder um den medizinischen Fortschritt, sind kein wirkliches Heilmittel gegen diese Langeweile. Der Mensch wird inmitten der Vielfalt von Apparaten distrahiert, zerstreut und leichtlebig, doch den wirklichen Seelenfrieden, der aus der Gewißheit stammt, die hervorragende Bestimmung für die er geschaffen worden ist, hienieden zu erfüllen, findet er nicht.
     Jene, die ein wenig nachdenken können, bemerken eher, daß sie sich unter den unsinnigen Bedingungen des modernen Lebens auf einen Abgrund zubewegen. Als verständliche Reaktion darauf suchen viele ihr Heil außerhalb der westlichen Welt, die wie ein Verkaufsleiter einer mißkreditierten Zivilisation dasteht. Sie wenden sich nun verschiedenen Formen des orientalischen Mystizismus, Ockultismus und des Yogas zu. Zumeist gehen sie in ihrer Suche am Islam vorbei, der doch alle Mittel für sie zur Verfügung stellt, ihrem Leben einen - ihrem höchsten Streben entsprechenden - Sinn zu geben.
     Obwohl der Islam nicht okzidental-abendländisch ist, wäre es doch falsch ihn ausschließlich orientalisch zu verstehen. Auch wenn er der spezifisch modernen Welt fremd erscheint, so ist er doch von allen heiligen Traditionen diejenige, die den Bedingungen des zu Ende gehenden kosmischen Zyklus am besten angepaßt ist. Er ist einfach und klar, birgt aber gleichzeitig Schätze mystischer und metaphysischer Weisheit, bei denen viele Generationen von Kontemplativen und Heiligen Kraft fanden.
     Durch seine horizontalen und vertikalen Dimensionen kann der Islam den Menschen konkret mit dem Kosmos und mit der Umwelt, wie auch mit dem Schöpfer aller Dinge in Einklang bringen, anders ausgedrückt, er ist allumfassend.

     Das christliche oder entchristete Abendland hat nie wirklich den Islam verstanden. Seit die Christen ihn auf der historischen Bühne der Welt erscheinen sahen, haben sie nicht aufgehört ihn zu verleumden und verächtlich zu behandeln, um ihn bekämpfen zu können. Die Spuren der groben Verfälschung des Islam sind bis in unsere Tage in der europäischen Mentalität zu finden. Für viele Menschen des Westens reduziert sich der Islam immer noch auf drei Begriffe: Fanatismus, Fatalismus und Polygamie (heute: und Terrorismus; Anm d Ü). Sicherlich gibt es auch kultiviertere Mitbürger, die weniger verwirrte Ideen vom Islam haben, doch selten sind jene, die wissen, daß dieses Wort nichts anderes als 'Hingabe an Gott' bedeutet. Für diese Unwissenheit im Denken der Mehrheit der Europäer ist die Behauptung symptomatisch, Allâh bezeichne zwar die Göttlichkeit der muslîme, aber nicht den Gott der Christen und der Juden; wie erstaunt sind sie dann zu erfahren, wenn man sich die Mühe macht es ihnen zu sagen, daß Allâh 'Gott' bedeutet und daß auch die christlichen Araber keinen anderen Namen gebrauchen, um Ihn anzurufen.
     Der Islam ist zwar das Forschungsobjekt der westlichen Orientalisten gewesen, die im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte viele gelehrte Abhandlungen veröffentlicht haben, aber so wertvoll ihre Arbeiten auch sein mögen, besonders was geschichtswissenschaftliche und philologische Gesichtspunkte anbelangt, so haben sie doch in einem christlichen - oder dem Ursprung nach christlichen - Milieu wenig zu einem besseren Verständnis der muslîmischen Religion beigetragen, da sie über die engeren akademischen Kreise hinaus kein größeres Interesse haben wecken können. Nebenbei erwähnt, sind die orientalischen Studien des Abendlandes nicht immer von einem reinen, unparteiischen und wissenschaftlichen Geist inspiriert gewesen und man kann nicht verhehlen, daß gewisse Islamologen und Arabisten offenkundig mit der Absicht zu Werke gegangen sind, den Islam und die muslîme anzuschwärzen. Offensichtlich war diese Tendenz in der 'belle Époque' des Kolonialismus besonders hervorstechend, es wäre aber übertrieben zu behaupten, sie hätte ganz aufgehört.
     Dies sind einige der Gründe, warum der Islam im Abendland bis heute dermaßen verachtet wird, und obleich er doch dem Judentum und dem Christentum nahe steht und aus dem gleichen abrahamitischen Stammbaum entsproß, haben asiatische Religionen, wie der Buddhismus und der Hinduismus, merkwürdigerweise größere Sympatien und Interesse wecken können. Indessen scheinen seit einigen Jahren äußere Umstände, insbesondere die wachsende Bedeutung der arabisch-islamischen Länder in den großen politischen und wirtschaftlichen Veränderungen der Welt, ein zunehmendes Interesse des Westens am Islam hervorzurufen, dessen Entdeckung für einige den Blick auf ungeahnte Horizonte auftut.
     Indem er 'Hingabe an Gott' bedeutet, drückt der Islam eine universelle Idee aus, die man auf bestimmte Art und Weise in anderen heiligen Traditionen wiederfindet, denn jede wahre Religion ist notgedrungen in Übereinstimmung mit dem Willen des göttlich Absoluten. Außerdem kann der Islam als die permanente Religion bezeichnet werden und da sie sich auf die Lehre der ewigen Einheit stützt, hat sie nichts grundlegend Neues zu bringen, sondern ist gekommen, die ursprüngliche Religion wiederherzustellen und die zeitlose Wahrheit zu bestätigen.
     Indem der Islam wiederherstellt und bestätigt, ist er auch eine Synthese der universellen Offenbarung. Er ist die Wiederholung aller vorangegangenen, von seiten des Himmels an die Menschheit gerichteten Botschaften. Dadurch ist ihm diese erstaunliche Kraft inne, Bevölkerungsgruppen von ethnisch völlig unterschiedlichem Ursprung in derselben Gemeinschaft der Gläubigen zu integrieren und dabei ihre Persönlichkeit zu respektieren.
     Indem der Islam dem Wesen nach zeitlos ist, ist er auch gleichermaßen uralt und modern. Uralt ist er, weil er eine Wahrheit übermittelt, von welcher die Menschheit bereits in ihren Anfängen wußte, und modern ist er aufgrund der Methoden, die er jenen Mitmenschen des letzten Zeitalters bietet, diese Wahrheit in ihrem Leben zu verwirklichen.
     Diese 'Modernität' manifestiert sich zunächst in der Einfachheit der Darlegung seiner Lehrprinzipien, deren das erste und fundamentalste sich in der Shahâda (Glaubensbekenntnis) ausdrückt: Lâ ilâha illa-Llâh, Muhammadun rxxx asûlu-Llâh ("Es gibt keine Göttlichkeit außer Gott; Muhammad ist der Gesandte Gottes"). Dieses Zeugnis der göttlichen Einheit, das der Menschheit durch die Botschaft des Propheten Muhammad verkündet wurde, liefert dem modernen Menschen einen verfügbaren Beweis, der - um muslîm zu sein - nicht in undurchdringliche 'Mysterien' einwilligen muß, die seinem Verstand nicht zugänglich sind.
     Sicherlich hat die Shahâda eine metaphysische Bedeutung, welche die menschliche Vernunft nicht ausschöpfen kann, aber sie gibt ihr eine Sicherheit, die grundlegendste die es gibt, nämlich, daß das göttlich Absolute dem Menschen durch die prophetische Botschaft zugänglich geworden ist. Gerade deshalb ist der Islam auch als Religion der Gewißheit bezeichnet worden.
     Diese vom Islam erbotene Möglichkeit, eine unumstößliche Gewißheit in unserer Zeit der intellektuellen Verwirrung zu gewinnen, einer Verwirrung die durch den Agnostizismus der gängigen philosophischen Schulen aufrechterhalten wird, ist von immenser Bedeutung, denn sie erlaubt ihm endlich, seine Aufmerksamkeit dem menschlichen Zustand zu widmen. Diese Gewißheit ist eine glückliche Fügung für denjenigen, der sie erlangen kann und sie befähigt ihn der absurden Widersprüchlichkeit der heutigen Zivilisation zu entgehen und zu verhindern - wo er nun nicht mehr einsam ist - in den Strudel des Abgrunds hineingerissen zu werden.
     Auf diese Weise ist die Shahâda die erste Antwort des Islam auf den heutigen Prometheus-gleichen Agnostizismus. Sie ist ein grundlegendes Argument, das über den diskursiven menschlichen Denkprozess hinausgeht und die absolute Wirklichkeit bejaht, von der alles Geschaffene abhängt und das nur dessen relativer Ausdruck ist. Mit einer Verneinung beginnend - Lâ ilâha, "keine Göttlichkeit" - bejaht sie sodann die Wahrheit - illa-Llâh, "außer Gott" - vor welcher sie den Menschen stellt, und zwar so, daß sie zur Überlegung einläd und zur Analyse herausfordert.
     Für manch einen bringt die Shahâda eine strahlende Gewißheit, für andere erscheint sie rätselhaft und verunsichernd. Aber sei es, man begreift sie blitzartig, oder nach einem intellektuellen Reifungsprozess, so ist sie doch viel mehr als eine bloß das Denken anregende Aussage, denn engagiert sie die Ganzheit des menschlichen Wesens.
     Indem die Shahâda die absolute, also die ausschließliche Wirklichkeit Gottes behauptet, bedeutet sie folglich, daß man sich Ihm anpaßt, und Seinem Willen unterstellt, was ja genau die Bedeutung des Wortes islâm ist. Hiermit erhält der zweite Satz derShahâda , der logischerweise und der Vorsehung gemäß aus dem ersten folgt, seine ganze Tragweite: Muhammadun rasûlu-Llâh, "Muhammad ist der Gesandte Gottes"; denn es gibt kein besseres Mittel diese Anpassung und diese Untergebenheit zu verwirklichen, als dem aufgezeigten Weg des Gesandten zu folgen.
     Diesem Weg zu folgen heißt zunächst die geoffenbarte Schrift, den Koran, anzunehmen und seine Gebote in die Praxis umzusetzen; es bedeutet außerdem der Unterweisung und dem Bespiel desjenigen zu gehorchen, der Instrument der Offenbarung war, Muhammad. muslîm zu sein - muslîm, heißt 'dem göttlichen Willen zu gehorchen' und ist prinzipiell nichts anderes als das.
     Die Anerkennung der absoluten Wirklickeit Gottes und der freie Wille, sich ihr zu unterwerfen, reichen aus dem durch Unglauben und moderner Unordnung erniedrigten menschlichen Leben seinen ganzen Sinn wiederzugeben, ohne jedoch dafür einen übermäßigen Preis zu fordern. Ist schon die Aussage der Shahâda, des grundlegenden Glaubensbekenntnisses, von einer solchen Einfachheit und bestechenden Beweiskraft, so fordern die anderen Elemente des Glaubens und der islamischen Lehre auch keine komplizierten, intellektuellen Anstrengungen, um verstanden und akzeptiert zu werden. Was die Religionsausübung betrifft, mag sie bestimmt jenen fremd erscheinen, die gegen jede Disziplin sind; aber sie ist wirklich mühelos und flexibel genug, um allen Lebensbedingungen zu entsprechen, einschließlich denen unserer Zeit. Das heißt die auferlegten Pflichten, überschreiten nicht die Kräfte eines mit etwas gutem Willen bedachten Menschen. Im Gegenteil, ihre Erfüllung ist von einer ausreichend bewiesenen Wirksamkeit un damit zur Gewährleistung eines gesunden Gleichgewichts zwischen Seele und Körper.
     Es zeigt sich, daß - obwohl diese Religionsausübung noch so mühelos sein mag - sie doch vielen unserer Zeitgenossen als Zwang erscheint, denn die ( durch die Theorien der Psychoanalyse, der 'anti-authoritären' Erziehung und anderer modischer 'philosophischen' Ideen ermunterte ) Ablehnung jeglicher Disziplin ist ein Charakteristikum der modernen Mentalität geworden. Was das Niederwerfen betrifft, das man während des rituellen Gebetes vollbringt, bringt sie den Wunsch des Betenden zum Ausdruck, sich ganz und gar der göttlichen Herrschaft zu unterwerfen; sie widerspricht daher völlig der allgemeinen Tendenz zur Säkularisierung und 'Befreiung', die nach einem bekannten Wahlspruch für den Menschen 'weder Gott, noch Herr' anerkennt.
     Die Ausübung des Islam ist auch ein sich Erinnern (dhikr) an Gott, der im Koran (II, 152) spricht: "Drum gedenket Meiner, daß Ich eurer gedenke". Dies steht offensichtlich in direktem Widerspruch mit dem gewöhnlichen, heutigen Leben, das - indem es in einer sinnlosen Vielfalt von Ablenkungen, Sorgen und Ängsten irregeht - allgemein und systematisch ihren Schöpfer vergißt. Dieses - das ganze muslîmisches Leben durchdringende - Gedenken hält den Menschen in enger Verbindung mit dem Zentrum aller Dinge, während das Vergessen aus ihm ein periferes Etwas macht, dem quantitativen, äußeren Aspekt der Dinge und dem in diesem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts zunehmenden Tempo in der Welt unterworfen.
     Der typische moderne und sekularisierte Mensch ist das exakte Gegenteil des muslîm, des 'Moslem', der sich dem göttlichen Willen unterstellt. Da er unfähig ist, sich zu untergeben und anzubeten und durch eine Flut von Möglichkeiten der quantitativen Zivilisation überschwemmt wird, die ihm alles außer dem Wesentlichen bietet, jedoch das einzige, was seinem Leben Sinngehalt geben könnte vorenthält, lebt er in einem Zustand der Unzufriedenheit, dem er mit keinem Heilmittel beikommen kann, trotz der unerhörten Vielfalt der Ressourcen, welche dieser Zivilisation zur Verfügung stehen. Diese Ohnmacht führt dazu, seine latente Empörung gegen die herrschenden Bedingungen und insbesondere gegen die letzten Reste der normalen Ordnung der traditionellen Religionen, die von Gott herrühren, zu akzentuieren. So wird er ein für unser Jahrhundert so charakteristischer Rebellierender.
     Wenn Camus dem rebellischen Menschen noch geistige und moralische Werte zuschrieb, so sind diese von nun an jeglicher - aus einer transzendenten Einstellung oder einem religiösen Glauben herrührenden - Bürgschaft beraubt; sie haben sich bald ganz abgeschwächt oder sind verschwunden. Das kann man in der folgenden Zeitphase bei einem 'Opponenierenden' feststellen, der dahin tendiert alles zu zerstören, was noch an eine soziale und moralische Ordnung erinnert.
     Dieses 'Opponieren' ist dort gerechtfertigt, wo man sich weigert eine bloß quantitative Zivilisation zu akzeptieren, die den Menschen auf seine Funktion als Produzenten und Konsumenten reduziert und die von daher unfähig ist, ihn irgendwelche seiner tiefsten und zentralsten Ziele erreichen zu lassen. Aber meistens will diese opponierende, kritisch In-Frage-stellende Tendenz die berechtigten Verhaltensweisen vor allem der Jugend zum Zweck der Subversion und der Zerstörung ausbeuten. Sie erweckt schließlich ein menschliches Wesen, das nur noch materielle und vegetative Instinkte seiner Natur als Motive seiner Handlungen besitzt.
     Der Mensch, in einen solchen Nihilismus gestürzt, kann sich kaum noch weiter vom Islam entfernen. Da er Gott vergessen hat, hat Gott ihn auch vergessen. Der menschliche Zustand hat für ihn keinen wirklichen Sinn mehr. Er ist nur noch zufälliger- und fragmentarischerweise ein Mensch.
     In gewisser Hinsicht hat sich derjenige, der diesen Extrempunkt der modernen Entwicklung erreicht hat, unter das Niveau der Tiere selbst gestellt, jene welche an die Normen ihrer Art gebunden sind und ihre Grenzen nicht überschreiten können. Deswegen bewahren sie immer eine gewisse Unschuld, wogleich der Mensch jedoch sich über alle Geschöpfe erheben, oder sich selbst verlieren und auf den tiefsten Grad der Erniedrigung sinken kann.
     Der muslîmische Mensch hat im Gegensatz zum Zustand des Aufruhrs, des Opponierens und In-Frage-stellens das Wissen, von Gott geschaffen zu sein, der ihm seinen Geist einhauchte und ihn beauftragte, sein Zeuge und Stellvertreter auf Erden zu sein. So ist er unter allen Geschöpfen das zentralste, dasjenige das die göttlichen Eigenschaften am vollständigsten manifestiert. Eigentlich ist ihm die ganze Schöpfung untergeben, aber nur durch die Macht, die er von Gott hat, dem er die ganze Untergebung schuldig ist.
     Indem Er den Menschen zu seinem Repräsentanten, seinem Statthalter oder Stellvertreter ( wie man auch manchmal das Wort khalîfa übersetzt ) auf Erden machte, hat ihm Gott eine Verantwortung gegeben und ein 'vollkommenes Unterpfand' (amâna) anvertraut und er allein in der Schöpfung traute sich, es auf sich zu nehmen. Der Koran drückt das in Versen aus, die obwohl übersetzt, noch ergreifend sind:

Siehe, Wir boten den Himmeln und der Erde und den Bergen das Vertrauenspfand an, doch weigerten sie sich, es zu tragen und schreckten davor zurück. Der Mensch lud es jedoch auf sich, denn er ist ungerecht und unwissend. (Koran XXXIII, 72)
    Dieses Vertrauenspfand hat etwas gefährliches an sich, denn es gibt dem Menschen die Freiheit zwischen Gut und Böse zu entscheiden, zwischen Wahrheit und Irrtum, Unterwerfung und Aufruhr, zwischen Himmel und Hölle. Sie verleiht der menschlichen Bedingung ihre ganze Erhabenheit, die ein schreckliches Risiko birgt, denn der Mensch offenbart sich als 'ungerecht und unwissend'. Der Islam gibt ihm adäquate Mittel diese Gefahr zu beschwören und in seiner Freiheit eine solche Wahl zu treffen, die vermittelst seiner Unterwerfung zum Guten, zur Wahrheit und zu Gott führt.
     Der Islam stellt daher dem zeitgenössischen Agnostizismus, der unfähig ist den Menschen zu definieren und die grundlegenden Ursachen seines Erdenaufenthalts anzugeben, eine vollkommene und koherente Wissenschaft vom Menschen gegenüber und beantwortet die fundamentalsten Fragen, die man überhaupt stellen kann. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu hervorzuheben, daß der Islam an die menschliche Intelligenz appelliert und nicht an seine Sentimentalität. Aber es handelt sich hier um eine Intelligenz des Ursprünglichem, des 'Adamischen', des Wesentlichen und nicht um eine Fähigkeit, komplizierte Überlegungen durchzuführen: Denn der Islam richtet sich nicht an die 'Weisen und Intelligenten der Welt', sondern an den Menschen so wie er geschaffen ist und an seine Fähigkeit das Absolute zu begreifen und frei zu wählen, was ihm entspricht und zu ihm führt.
     Der Islam, Religion der Wahrheit, gibt der menschlichen Bedingung ihren ganzen Sinn, einer Bedingung, die sich nur als Funktion des Absoluten erklären läßt und die nihilistische Absurdität der modernen Welt abschafft. Er bringt den Menschen mit sich selbst und der Schöpfung in Einklang und liefert so das wirksamste Heilmittel, das es für das Übel unserer Zeit gibt.
     Dieses Übel ist ja die Konsequenz der Revolte des gefallenen Engels Iblis, von dem der Koran in wunderschönen Versen berichtet. Diese lassen zugleich das außerordentliche Privilegium des menschlichen Zustandes begreifen, in welchen der Mensch durch Gott gebracht wurde, sowie das Drama seines Irrtums und Falls. Nach diesem Bericht befahl Gott den Engeln nach der Erschaffung Adams, sich vor Adam niederzuwerfen, woraufhin sie sich alle niederwarfen, außer Iblis, der seine Weigerung folgendermaßen motivierte:

"Ich bin besser als er. Mich hast du aus Feuer erschaffen, ihn aber erschuft du aus Ton".
    Der Satan bat von Gott, der ihn verjagte:

"Gewähre mir Aufschub bis zum Tag der Auferweckung"
    Dieser Aufschub wurde gewährt. Iblis nimmt von nun an jede Gelegenheit wahr, die Menschen vom rechten Weg abzubringen.

"Alsdann will ich über sie kommen von vorn und von hinten, von ihrer Rechten und von ihrer Linken..."
Gott sprach: "Hinaus aus ihm, verachtet und verstoßen! Wahrlich wer von ihnen dir folgt, mit euch allzumal erfülle Ich Jahannam!" (VII, 11-17)
    Adam selbst unterliegt dem Versucher. Aber er bereut es und Gott nimmt seine Reue an, indem er ihm und seiner Gattin verspricht, sie rechtzuleiten:

"Wer dann meiner Leitung folgt, der soll nicht irregehen und nicht elend werden". (XX, 123)

    Diese Rechtleitung ist die ewige Religion, die im Laufe der Zeitalter verschiedene Formen gefunden hat und deren letzte und entgültige Form der Islam ist, so wie er von der Offenbarung herrührt, die an Muhammad gerichtet wurde. Dieser Islam erlaubt (wie die früheren Religionen) dem Fluch zu entgehen, der auf jenen lastet, die Iblis folgen und stattdessen die eigentlich menschliche Berufung zu erfüllen, die darin besteht, sich einem Schöpfer zu untergeben.

Und Wir waren gegen die Kinder Adams huldreich und trugen sie zu Land und Meer und versorgten sie mit guten Dingen und bevorzugten sie hoch vor vielen unserer Geschöpfe. (XVII, 70)
    Der Islam verbietet also den Menschen überhaupt nicht die Wohltaten, die Gott ihnen beschert hat, voll und ganz zu genießen, vorrausgestzt, daß sie dankbar sind:

O ihr, die ihr glaubt, esset von den guten Dingen, mit denen Wir euch versorgten, und danket Allah, so ihr Ihm dienet. (II, 172)
    Als Religion des Gleichgewichts hat sie Teil am Diesseits wie auch am Jenseits, wobei letzteres allerdings vorzüglicher ist.

Und suche mit dem, was dir Gott gegeben, die künftige Wohnung; und vergiß nicht deinen Anteil in dieser Welt. (XXVIII, 77)
     Und wahrlich, das Jenseits is besser für dich als das Diesseits. (XCIII, 4)

    Der Islam stellt den Menschen auf den Weg des Jenseits, das all dem vorzuziehen ist, was man sich hienieden vorstellen kann, aber er bietet ihm auch die Mittel an, den besten Nutzen aus 'diesem Leben' zu ziehen, indem er ihn harmonisch auf der individuellen und auf der kollektiven Ebene organisiert, wie in den folgenden Kapiteln ersichtlich sein wird. Denn es ist doch der Wille Gottes, dem er unterworfen ist, daß der Mensch glücklich sei.
     Ein bezeichnender Umstand in dieser Hinsicht ist daß islâm, 'Unterwerfung', auf arabisch eng verwandt ist mit silm, oder salâm, 'Friede'. Und wirklich führt die Unterwerfung unter Gott zu Friede, zur Bedingung des Glücks.
     Vielleicht wird man einwenden wollen, daß die heutigen muslîme nicht gerade ein Beispiel für Glück und Frieden abgeben. Dem läßt sich viel entgegnen, für jetzt soll es gegnügen, einige kürzere Bemerkungen zu machen, bevor wir zur heutigen Situation der islamischen Welt zurückkommen werden.
     Man muß zunächst sehen, daß sich in unserer Epoche alle Religionen in einer Krise befinden, einschließlich des Islam, obwohl er wahrscheinlich weniger als die anderen davon betroffen ist. Jedenfalls kann keine von ihnen gerecht beurteilt werden, wenn man als Hauptkriterium die Lebensumstände der Völker betrachtet, die sich zu dieser Religion bekennen. Die muslîme sind sich im allgemeinen darüber im klaren, daß sie von den wirklichen Idealen der Offenbarung an ihren Propheten weit entfernt leben und erkennen gern an, daß sich ihre ganze Existenz ändern würde, wenn sie wirklich ihren Vorschriften Folge leisteten.
     Der Islam wurde voll und ganz nur in seiner Anfangsphase, in der Zeit des Propheten und der ersten vier 'rechtgeleiteten' Kalifen praktiziert und die muslimische Gemeinschaft ( umma ), hat in der Folgezeit immer ein Heimweh zu dieser privilegierten Epoche bewahrt. Es hat sicherlich im Laufe der späteren Jahrhunderte noch schöne Perioden des Aufblühens und der Inbrunst gegeben, aber niemand wird heute behaupten wollen, daß wir heutzutage in einer solchen Periode leben, offensichtlich ist genau das Gegenteil der Fall. Die muslîmische Welt, wie die Welt allgemein, ist heute in einem solchen Zustand der Krise und des Niedergangs, die es in der Geschichte noch nicht gegeben hat.
     Man kann jedoch, was die Krise des industrialisierten Westens betrifft, nicht verneinen, daß die Welt des Islam in vielerlei Hinsicht an einem anderen Übel leidet; denn seine moralischen und geistigen Grundlagen sind nicht im gleichen Ausmaß umstritten und die Bevölkerung der muslîmsichen Länder bewahrt in ihrer überwiegenden Mehrheit ihren traditionellen Glauben. Die Krise, von denen diese Länder betroffen sind, ist von einer viel materielleren Art und einige Länder, besonders in Asien (und v.a. Afrika, Anm d Ü), gehören zu den ärmsten auf dem Planeten.
     Diese Situation, für die zum Teil einige Kolonialmächte die Verantwortung tragen, ist sicherlich Ursache eines großen Leidens, aber im allgemeinen beeinträchtigt sie nicht die menschliche Würde, auch nicht bei den am meisten Benachteiligten. Denn der Islam verleiht dem Menschen eine Würde, welche die Armut nicht austilgen kann, sondern sogar manchmal noch erhöht. Dieser Mensch bewahrt unleugbar noch in der größten Not den Sinn des Lebens und den guten Geschmack, was dann das Leben lebenswert und würdevoll macht.

    Sei es also in der wohlhabenden, westlichen, aber demoralisierten Welt oder in der Welt der materiellen Armut der Völker, die man die 'Dritte Welt' nennt, so ist der Islam die klarste, fundamentalste und kategorischste Antwort an die moderne Herausforderung. Jenen Individuen oder Gesellschaften, die ihn annehmen und in die Tat umsetzen, bietet er die gesündesten und wirksamsten Heilmittel gegen das Übel unserer Zeit.