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Akaid

 

 

 

Die Islamischen Glaubenslehren

 

 

Imam Ebu Hamid Muhammed el Ghazali (gest.1111)

 

 

 

"Die Dogmatik Al-Gahzalis nach dem II.Buch seines Hauptwerkes" ( "Ihya") H.Bauer,Halle,1912

 

 

{ Imam Ebu Hamid Muhammed al Ghazali ( oder auch Algazel, al Gasali, Ghazzali, Gazali geschrieben, gest.1111 ), Allahs Gnade sei mit ihm, der grosse islamische Gelehrte, hatte den grossen "Ihya ulumiddin" in vier Bänden geschrieben. Diese übersetzung ist jene Teil ,welches die Glaubensinhalte beinhaltet. Es wurden auch verschiede andere Kapitel übersetzt. Dr.Bauer hat diesen Abschnitt unter dem Namen "Die Dogmatik Al-Gahzalis nach dem II.Buch seines Hauptwerkes" übersetzt.Ich habe statt “Dogmatik"welches nicht genau “Glaubenslehren" (Akaid) umfasst als überschrift sein lassen. Weiterhin habe ich das Wort "Gott" mit "Allah" und "Genosse" mit "Gefährte" ersetzt und mancherorts die fehlenden Ehrbezeichungen wie "Allahs Wohlgefallen mit ihm" hinter der Namen zugefügt. Solche kleinen Gebete ist guter Sitte und Respekterweisungen im Islam. Die Fussnoten von Dr.Bauer habe ich nicht übernommen. Ferner in runden, geschweiften und eckigen Klammern wurden zwecks besseren Verständnis Erläuterungen gemacht. Surenangaben stammen vom übersetzer. “ß" wurde meist als “ss" wiedergegeben }

 

E r s t e r  A b s c h n i t t

 

 

Darlegung des islamischen Glaubensbekenntnisses, wie es enthalten ist in den zwei Sätzen ( Kelime-i schehadet: " Es gibt kein Gott ausser Allah und Muhammed ist Sein Gesandter " ), die einen der [fünf] Grundpfeiler des Islams bilden.

 

Wir sprechen im Vertrauen auf den göttlichen Beistand: Gelobet sei Allah (Allah der Erhabene), der Schöpfer und Wiedererwecker, der vollbringt, was er will, auf dem hehren Throne, einher fahrend mit Gewalt; der die Auserwählten führt die rechte Strasse und den geraden Weg; der ihnen, nachdem sie zu Seiner Einheit sich bekannt, damit lohnt, dass Er ihnen Glauben bewahrt vor den Finsternissen des Zweifels und der Anfechtung; der sie anleitet zur Nachfolge seines erwählten Propheten und zur Nachahmung von dessen erlauchten Gefährten, sicher und unentwegt; der sich ihnen offenbart in seinem Wesen und seinen Werken mit seinen herrlichen Eigenschaften, die nur der erfasst, der "aufmerksam sein Ohr leiht" (Sure 50,36); der ihnen kündet, dass er in seinem Wesen Einer ist ohne Genossen, einzig ohnegleichen , allein ohne Gegner und Nebenbuhler. Er ist von Anfang an, ohne Vorgänger, von Ewigkeit her, ohne Beginn; er ist fortdauernd im Sein, keiner nach Ihm, ewig ohne Ende. Immer in sich bestehend ohne aufzuhören, war er und wird er immer begleitet sein mit den Eigenschaften der Hoheit. Bei Ihm gibt's kein Zuendegehen durch das verstreichen der Zeit und Ablaufen der Frist , sondern Er ist der Erste und Letzte, der Offenbare und Verborgene.

Remotio : Allah ist ferner kein wohlgestalteter Körper, auch kein Atom mit bestimmter Ausdehnung. Er gleicht auch nicht einem Körper, so dass es bei Ihm Begrenzung und Teilung gäbe. Er ist keine Substanz und nicht wohnen Substanzen Ihm inne, auch nicht ein Akzidens und nicht wohnen Akzidentien Ihm inne. Er gleicht keinem Wesen und kein Wesen gleicht ihm, kein Ding ist wie Er und Er nicht wie irgend ein Ding. Kein Maß schränkt Ihn ein, nicht umfassen ihn Grenzen, die Dimensionen bestimmen Ihn nicht, selbst Himmel und Erde umschliessen Ihn nicht.
Er sitzt auf dem Thron, so wie Er es verkündet, in dem Sinn, den Er meint, dass heisst ohne einen Ort zu berühren, in Ihm zu ruhen und an Ihn gebunden zu sein, ohne Inhärenz und Ortsveränderung. Nicht trägt Ihn der Thron, sondern der Thron und seine Träger werden getragen durch Seine Macht und gehalten durch Seine Hand (d.h durch Seine Allmacht). Er ist erhaben über dem Thron und dem Himmel und allem bis zu den Grenzen des Bodens mit einem Darübersein, das ebenso wenig für Ihn eine Nähe beim Thron und Himmel bedeutet, wie es eine Entfernung von der erde und dem Boden besagt. Und er ist viele Stufen hoch über Thron und Himmel wie Er hoch ist über Erde und Boden und dabei doch nahe jeglichem Wesen und "dem Menschen näher als seine Halsschlagader" (Sure 80, 15).
Und Er hat auf alles acht, denn sein Nahesein gleicht; denn Er wohnt nicht einem Ding inne noch irgend ein Ding Ihm. Er ist erhaben darüber, dass ein Raum Ihn umfasse, wie er erhaben darüber ist, dass eine Zeit Ihn begrenze, Er war vielmehr, bevor er die zeit und Raum geschaffen, und jetzt ist Er, wie Er früher gewesen. Er ist verschieden von Seiner Schöpfung durch Seine Eigenschaften, weder besteht in Seinem Wesen ein anderer noch in einem ausser Ihm Sein Wesen. Erhaben ist Er über Wechsel und Veränderung, für Ihn gibt's kein Ereignis, kein Unfall stösst Ihm zu, sondern Er besitzt immerdar die Eigenschaften Seiner Hoheit, unzulänglich dem Verfall, und für die Attribute Seiner Vollkommenheit braucht Er kein Wachstum an Vervollkommung. Die Existenz Seines Wesens ist erfassbar durch den Verstand. Er ist auch zu sehen mit Augen, als Gnade gewährt dem Frommen in der ewigen Heimat (im Paradies) und als Vollendung der Paradiesesfreuden, im Schauen auf Sein hehres Anlitz.

Macht. Allah der Erhabene ist lebendig, machtvoll, bezwingend, überwältigend. Bei ihm gibt's keine Ohnmacht und Schwäche, "ihn umfängt nicht Schlummer noch Schlaf" (Sure 2, 256) und nicht trifft Ihn verderben und Tod. Er beherrscht die Körper- und Geisterwelt, die Kraft und die Macht. Ihm kommt zu die Herrschaft und überlegenheit, das Schaffen und Befehlen. Die Himmel sind gefaltet durch Seine Rechte und die Kreaturen bezwungen durch Seine Hand (Allmacht). Er ist einzig im Schaffen und Hervorbringen, die Schöpfung schuf Er und ihre Werke, bestimmte ihren Unterhalt und Lebenslauf. Nicht entzieht sich Seiner Macht, was Er beschlossen, nicht geht wider sie der Lauf der Dinge. Unzählbares kann Er beschliessen gleichwie Er Endloses erkennt.

Wissen. Er weiss alles Wissbare , erkennt, geschieht, von den Enden der Erde bis zur Höhe der Himmel. "Seinem Wissen entgeht nicht das Gewicht eines Körnchens auf Erden und im Himmel," (Sure 10,62;34,3) Er weiss sogar der Ameise Tritt auf hartem Gestein in finsterer nacht und bemerkt die Bewegung des Sonnenstäubchens inmitten der Luft. "Er kennt das Geheimnis, auch das verborgenste" (Sure 20,6). Er nimmt wahr die Regungen des Innern, die Bewegungen des Gemüts und die geheimsten Gedanken, mit ewigem Wissen, das Er immer gehabt vor aller zeit, nicht so, dass ihm das Wissen erst neu hinzukäme durch Inhärenz und übertragung.

Willen. Allah will das Bestehende und bestimmt die Ereignisse. Also alles, was in der Körper- und Geisteswelt sich ereignet, sei es wenig oder viel, klein oder gross, gut oder böse, Verwerfung, Glück oder Unglück, Wachstum oder Verminderung, Gehorsam oder Ungehorsam, alles geschieht lediglich nach Seiner Entscheidung und Bestimmung, Seiner Weisheit und Seinem Willen. Was Er will, geschieht, was Er nicht will, nicht. Ohne Seinen Willen kein Augenaufschlag, keine Regung des Gemütes. Er ist der Erschaffer und Widererwecker, wirkend was Er will. Keiner widersteht, wo er befohlen, niemand vereitelt, was Er beschlossen. Nicht kann der Mensch der Sünde entgehen, ausser durch Seine Gnade und Barmherzigkeit, und nicht hat Er die Kraft, Ihm zu gehorchen, ausser nach Seinem Wunsch und Willen. Und täten sich zusammen Menschen und Geister (Dschinns) , Engel und Teufel, um ein Körnchen irgendwo zu bewegen oder aufzuhalten ohne Seinen Wunsch und Willen, sie vermöchten es nicht. Sein Wille besteht in Seinem Wesen wie Seine übrigen Eigenschaften und kommt Ihm von jeher zu. Von Ewigkeit her wollte Er die Existenz der Dinge in der für sie bestimmten Zeit, und sie treten ins Dasein zu ihrer zeit, wie Er in Seiner Ewigkeit es gewollt, weder früher noch später, sondern entsprechend Seinem Wissen und Willen, ohne Vertauschung und Veränderung. Er leitet die Dinge nicht durch überlegung und Berücksichtigung der Zeit; bei Ihm stört also nicht die Tätigkeit die andere. (Allah hat dem Menschen einen Willen gegeben, womit Er wollen kann).

Hören und Sehen. Allah der Erhabene ist hörend und sehend. Seinem Gehör entgeht nichts Hörbares, wenn es auch noch so verborgen, und Seinem Blick nichts Sichtbares, wenn es auch noch so fein. Keine Entfernung beeinträchtigt Sein Hören, kein Dunkel Sein Sehen. Er sieht ohne Pupille und Augenlid, er hört ohne Gehörgang und Ohr, so wie Er erkennt ohne herz, ohne Gliedmaßen packt und ohne Werkzeug schafft. Denn nicht gleichen Seine Eigenschaften denen der Geschöpfe, wie Sein Wesen nicht dem ihrigen gleicht.

Rede. Allah der Erhabene redet auch, befehlend und verbietend, verheissend und drohend, mit anfangslosem ewigem Wort, das besteht in Seiner Wesenheit, unähnlich der Rede der Geschöpfe. Es ist kein Laut, der entsteht durch Ausströmung der Luft oder Zusammenschlagen von Körpern, auch kein Buchstabe, der sich loslöst beim Aufeinanderlegen der Lippen und der Bewegung der Zunge. Koran, Thora, Evangelium und Psalter sind die Bücher, die Er Seinen Aposteln herabgesandt. Der Koran ist, wenn Er auch mit der Zunge gelesen, auf Blättern geschrieben und im Herzen bewahrt wird, trotzdem ewig, bestehend in Allahs Wesen, ohne Trennung und Teilung zu erleiden durch Seine übertragung in die Herzen und auf die Blätter. Moses (Musa) (Friede sei mit ihn) hörte Allahs Wort ohne Laute und Buchstaben, wie die gerechten im Jenseits Allahs Wesen schauen ohne Substanz und Akzidens. Insofern Allah die genannten Eigenschaften zukommen, ist Er lebendig, wissend, mächtig, wollend, hörend, sehend, sprechend, durch das Leben, die Macht, das Wissen, den Willen, das Gehör, das Gesicht und durch das Wort, nicht durch Sein blosses Wesen.

Werke. Nichts existiert ausser Allah, das nicht hervorgegangen wäre auf die schönste, vollkommenste, vollendetste und angemessenste Art. Er ist weise in Seinen Entscheidungen. Nicht wird Seine Gerechtigkeit gemessen nach der der Menschen; denn beim Menschen ist Ungerechtigkeit möglich durch den Eingriff in das Eigentum eines anderen, nicht aber bei Allah dem Allerhöchsten, denn Er findet kein Eigentum eines anderen vor, in das Er unberechtigterweise eingreifen könnte. Alles ausser Ihm, Menschen und Geister, Engel und Teufel, Himmel und Erde, Tiere und Pflanzen, Substanz und Akzidens, Erkennbares und Wahrnehmbares ist geworden, hervorgerufen durch Seine Macht aus dem Nichtsein. Denn in der Ewigkeit war Er allein vorhanden und kein anderer mit Ihm. Danach brachte Er die Schöpfung hervor, um Seine Macht zu offenbaren und das zu verwirklichen, was Er längst vorher gewollt, das Wort, das von Ewigkeit her zu Recht bestand, nicht als ob für Ihn eine Nötigung oder ein Bedürfnis vorhanden gewesen. Ein Erweis Seiner Güte, nicht Notwendigkeit ist es, dass Er schafft und hervorbringt und den Menschen Pflichten auferlegt. Desgleichen ist es ein Erweis Seiner Freigiebigkeit, keine Notwendigkeit, dass Er ihnen Gnade und Gutes spendet, ein reines Geschenk von Seiner Seite, da Er Seine Diener mit allen möglichen Schmerzen hätte heimsuchen können und sie prüfen mit peinigenden Schlägen und Krankheiten. Und hätte Er es getan, es wäre gerecht von Ihm gewesen, nicht schlecht und ungerecht.

Und Er belohnt Seine gläubigen Diener für ihren gehorsam gemäss Seiner Freigebigkeit und Verheissung, nicht auf Grund von verdienst und Schuldigkeit, da Er keinem etwas zu leisten braucht und Ungerechtigkeit bei Ihm undenkbar ist und niemand bei Ihm einen Anspruch hat. Sein Recht, von den Menschen gehorsam zu fordern, gründet sich auf die Verpflichtung durch die Zunge des Propheten, nicht auf blosse Vernunft. Er hat vielmehr die Propheten gesandt und deren Glaubwürdigkeit durch offenkundige Wunder bezeugt; sie richteten dann aus Sein Gebot und verbot, Seine Verheissung und Drohung, und damit waren die Menschen verpflichtet, ihrer Verkündigung Glauben zu schenken.

 

 

Sinn des zweiten Satzes, das Bekenntnis zum Gesandten und seiner Sendung

 

Allah hat gesandt den ungelehrten (ümmi) , den Kuraschiten Muhammed , den Hochgebeneideten, mit Seiner Sendung an die Gesamtheit der Araber und Nichtaraber, der Ginnen (Dschinnen) und Menschen. Und zwar hat Er durch Seine Verordnungen die (früheren) Verordnungen (Religiöse Gesetze Schariah der früheren Propheten) abgeschafft, ausser dem, was Er eigens davon beschäftigte. So zeichnete Er ihn aus vor den übrigen Propheten und machte ihn zum Herrn der Menschen. Und Er lässt das Einheitsbekenntnis "es ist kein ausser Allah" erst dann als vollkommen gelten, wenn man damit verbindet das Bekenntnis zum Propheten: "Muhammed ist der Gesandte Allahs". Er hat die Menschen verpflichtet, ihm zu glauben in allem, was er ihnen über diese und die andere Welt (Jenseits) verkündet. Und der Glaube ist erst dann Allah wohlgefällig, wenn er sich auf das erstreckt, was der Prophet über die letzten Dinge mitteilt.

 

{ Es folgen die Lehren über die jenseitige Dinge ,woran der Muslim glaubt. Diese Lehren stützten sich neben dem Koran auf die Hadithe und Consensus der Gemeinde. Der Consensus stützt sich auf die Hadithe , Hadithe auf den Koran, somit gesehen stützt sich alles auf den Koran. Jenseitige Dinge übersteigen der Vorstellungskraft des Menschen und der Verstand kann nicht alles erfassen. Die Vorstellungskraft des Menschen kann sich nur teilweise vom Diesseits ein Bild machen. Wir glauben an die islamischen Lehren, auch wenn es unseren Verstand übertrifft. Allah ist allmächtig er kann Dinge erschaffen welches wir nicht (oder nicht ganz) erfassen können. Die hier genannten Glaubenslehren wurden übereinstimmend unabhängig überliefert über eine sehr grosse Anzahl der früheren Muslime der ersten Generationen. Diese wurden früh in mehrere Bücher festgehalten.}

 

Das erste ist die Frage des Munkir und Nakir. Das sind zwei schreckliche furchtbare Gestalten, die den Menschen sich aussetzen heissen, wenn er im Grabe liegt, vollständig mit Leib und Seele. Sie fragen ihn über das Einheitsbekenntnis und die Sendung. "Wer ist dein Herr", sprechen sie, "welches deine Religion und wer dein Prophet ?" Sie sind die Prüfer im Grabe und ihre Frage ist die erste Prüfung nach dem Tod.

Ferner ist zu glauben an die Pein des Grabes, dass sie Wirklichkeit ist und Weisheit und Gerechtigkeit, sich erstreckend auf Leib und Seele, wie Allah will.

Ferner ist zu glauben an die Waage mit den beiden Waagschalen und dem Zünglein und ihre gewaltige Grösse, gleich den Wölbungen des Himmels und der erde, worauf gewogen werden die Werke durch Allahs Macht. Und das Gewicht an jenem Tage werden sein Sonnenstäubchen und Senfkörnlein, um Gewähr zu leisten für vollkommene Gerechtigkeit. Es werden gelegt die Blätter der guten Werke in schöner Schrift auf die Waagschale des Lichtes und darin gewogen, da senkt sich nieder die Waage entsprechend ihrem Wert bei Allah, durch Allahs Gnade. Und es werden geworfen die Blätter des bösen Taten in hässlicher Schrift auf die Schale der Finsternis, und die Waage schnellt mit ihnen empor durch Allahs Gerechtigkeit.

Ferner ist zu glauben, dass der Sirat Wirklichkeit ist. Er ist eine Brücke, gespannt über den Rücken der Hölle, schärfer als ein Schwert und feiner als ein Haar, darauf straucheln die Füsse der Ungläubigen nach Allahs Anordnung, so dass sie hinabfahren in die Hölle; fest aber stehen darauf die Füsse der Gläubigen durch Allahs Huld, so an den Trinkborn, den Trinkborn Muhammeds, woraus die Gläubigen trinken werden vor ihrem Eintritt ins Paradies und nach überschreiten der Brücke. Wer einen Schluck daraus nimmt, wird nimmer dürsten; die Reise eines Monats beträgt seine Krüge, deren Zahl wie die Sterne des Himmels, darin ergiessen sich zwei Kanäle vom Kauthar.

Weiter ist zu glauben an die Abrechnung und dass sie bei den Menschen verschieden gehandhabt wird. Bei den einen wird es sehr strenge genommen, bei anderen leicht, und wieder andere gehen ohne Rechnung ins Paradies ein, das sind die Nahgestellten (Mukarrabun) (der erste von ihnen ist Hz. Abu Bakr- Allahs Wohlgefallen mit ihm-). Dann fragt Allah, wen Er will von den Propheten nach der übermittlung seiner Sendung und wen Er will von den Ungläubigen, warum er den gesandten verworfen. Und die Neuerer (Sektirier) werden gefragt nach der Sunna und die Gläubigen nach ihren Werken.

Ferner ist zu glauben an die Befreiung der Einheitsbekenner (Muslime) aus dem Feuer, nach dem sie hinlänglich gebüsst, so dass kein solcher in der Hölle bleibt durch Allahs Gnade.

Ferner an die Fürsprache der Propheten, dann der Gelehrten Allahs ( islamische Religionsgelehrten) , dann der Märtyrer, dann der übrigen Gläubigen, je nach ihrem Ansehen und Rang bei Allah. Und wer von den Gläubigen ohne Fürsprecher bleibt, der wird durch Allahs Gnade erlöst, so dass niemand in der Hölle bleibt, in dessen Herzen noch ein Körnchen Glaube sich findet.

Ferner ist zu glauben an den Vorrang der Genossen ( alle Gefährten, die Sahaba) des Propheten, Allah habe sie selig, nach bestimmter Abstufung, und dass der Höchstgestellte nach dem Propheten Abu Bakr ist, dann kommt Omar, dann Othman, dann Ali, Allah habe sie alle selig ! ( die vier Kalifen ). Und man muss wohl denken von allen Gefährten und sie preisen, gleichwie Allah selbst und sein Prophet sie gepriesen haben.

All das wird von den Alten (selef : die Altvorderen, die Gefährten (Sahaba) und deren Schüler (Tabiin)) überliefert und durch ihre Ausprüche bezeugt. Wer es unverbrüchlich festhält, der gehört zu den Leuten des rechten Glaubens und der Sunna ( Leute der Sunna : Ahl-i sunna auch Sunniten genannt) und hat nichts gemein mit der Rotte der Irrlehrer und Neuerer (Ahl-i Bidah: die die den Islam mit etwas anderem vermischen verfälschen). So wollen wir denn Allah bitten um rechte überzeugung und Festigkeit im Glauben für uns und alle Gläubigen, Er ist ja der Allbarmherzige. Der Segen Allahs sei über unsern Herrn Muhammed, seiner Familie und jedem auserwählten !

 

 

{ All diese Lehren werden von Imam Ghazali in Abschnitt 3 ausführlicher dargestellt }

 

 

 

 

Z w e i t e r  A b s c h n i t t

 

 

über die Abstufungen im Glauben und die allmähliche Einführung in denselben.

 

Mit dem oben von uns dargelegten Glaubensbekenntnis muss der Knabe in frühester Jugend bekannt gemacht werden. Zunächst hat er dasselbe sich einzuprägen, dann soll ihm, wenn er grösser wird, dessen Sinn fort und fort, aber ganz allmählich erschlossen werden. Also zuerst Einprägung, dann Verständnis, schliesslich die feste überzeugung und der Glaube daran. Und zwar vollzieht sich das bei dem Knaben ohne eigentlichen Beweis. Es ist ein besonderer Gnadenerweis Allahs gegenüber dem Menschenherzen, dass er es in früher Jugend dem Glauben erschliesst, ohne dass Argumente und beweise nötig wären. Wie könnte man das leugnen, da doch der Glaube des gemeinen Mannes sich lediglich auf Unterweisung und die einfache Hinnahme des dargebotenen gründet ? Freilich ist ein solcher auf blosse Autorität hin zustande gekommener Glaube anfangs nicht frei von einer gewissen Schwäche, insofern er durch Gegengründe leicht zerstört werden kann. Er muss daher gekräftigt und tiefer ein gesenkt werden in die Seele des Knaben (Jugendlichen) und des gemeinen Mannes (und Frau), damit er festwurzele

und nicht mehr erschüttert werde. Der Weg dazu besteht aber nicht darin, dass ihm die Kunst des Argumentierens und der spekulativen Erörterung (Kalam) beigebracht werde, er soll vielmehr sich beschäftigen mit der Lektüre des Korans und seiner Erklärung, ferner die Traditionen (Hadithe/Prophetenworte und -Taten) und deren Bedeutungen studieren, und sich mit den religiösen Vorschriften abgeben, dann wird sein Glaube immer tiefer Wurzeln schlagen in dem Maße, wie sein Ohr getroffen wird von den Beweisen des Korans und er die Belege aus der Tradition kennen lernt und das Licht der religiösen Vorschriften auf ihn einströmt. Letzteres durch das Beispiel der Frommen, das er vor Augen hat, und den Verkehr mit ihnen, in deren äusserer Erscheinung und Haltung die Hingebung an Allah , die Furcht vor Ihm und die Unterwürfigkeit gegen Ihn sich ausprägt. So gleicht die erste Unterweisung dem Ausstreuen des Samenkorns in die Brust , die weiteren eben genannten Mittel verhalten sich wie das Begiessen und Aufziehen, bis schliesslich das Samenkorn heranwächst, erstarkt und sich erhebt zu einem guten Baume, festgewurzelt im Boden und mit seinen Zweigen im Himmel. Dagegen muss man mit aller Sorgfalt darauf achten, dass er nichts von Argumentation und Kalam zu hören bekomme, das würde ihn mehr verwirren als fördern, mehr Schaden als Nutzen stiften. Durch Argumentation die überzeugung stärken wollen ist ebenso, als wollte man einen Baum mit eisernem Hammer bearbeiten in der Hoffnung, dass er dadurch kräftiger werde und seine teile fester zusammenhalten. Aber eine solche Behandlung wird ihn eher zerschmettern und zum Absterben bringen, und das ist das Gewöhnliche, wie es der Augenschein lehrt und nicht erst bewiesen zu werden braucht. Vergleiche nur den Glauben der braven gottesfürchtigen Leute aus dem Volke mit dem der spekulierenden und disputierenden Theologen, so wirst du finden, dass der Glaube des einfachen Mannes fest dasteht wie ein gewaltiger Berg, den kein Ereignis und kein Orkan erschüttert; das Bekenntnis des Theologen hingegen, der seinen Glauben durch scholastische Einteilungen (Kalam-Einteilungen) behütet, ist wie ein in der Luft hängender Faden, den der Wind bald nach dieser bald nach jener Richtung bläst. Etwas anderes ist es, dass man von ihnen einen Beweis für den Glauben höre und ohne Prüfung hinnehme wie den Glauben selbst. Wenn man nämlich etwas auf blosse Autorität hin annimmt, so macht es nichts aus , ob man den Beweis lerne oder das Bewiesene. Also die Angabe, eines Beweises und die eigentliche spekulative Beweisführung sind zwei ganz verschiedene Dinge.

Wenn dann der Knabe, der in diesem Glauben heranwächst, einen weltlichen Beruf ergreift, so braucht man ihm nichts weiter zu erschliessen. Sein ewiges Heil ist gesichert durch das Festhalten am rechten Glauben; denn das religiöse Gesetz verpflichtet die ungebildeten Araber zu nichts weiterem als man zum unentwegten Festhalten an dem Wortsinn dieses Glaubensbekenntnisses, zum Spekulieren und Forschen und zur Formulierung von regelrechten Beweisen sind sie also nicht verpflichtet. Wenn er hingegen den "Weg ins Jenseits" beschreiten will und Allah ihm die Gnade schenkt , dass er fromme Werke übe, der Gottesfurcht anhange, seine Leidenschaften beherrsche und sich auf Askese und Selbstüberwindung verlege, so werden etliche Kapitel von der Leitung ihm erschlossen. Sie enthüllen den tieferen Sinn jener Glaubensregel durch das göttliche Licht, das in sein Herz gegossen wird vermittels des geistlichen Kampfes gemäss den Verheissungen des Allerhöchsten, wenn er sagt "Die für uns kämpfen, werden wir führen unsere Wege, und Allah ist mit denen, die Gutes tun." (Sure 29,69). Das ist der kostbare Edelstein, der das Endziel des Glaubens der Gerechten und der Vertrauten Allahs bildet. Ein Hinweis darauf liegt in dem Geheimnis, das in der Brust des seligen Abu Bekr, der Gerechten, niedergelegt war, worin sein Vorrang vor der übrigen Menschen bestand (ausser der Propheten). Die Enthüllung dieses Geheimnisses, oder vielmehr dieser Geheimnisse, hat verschiedene Grade, entsprechend den Graden der geistlichen Kampfes und den Graden der Reinigung und Läuterung des Innern von allem, was nicht Allah ist und den Graden der Erleuchtung durch das Licht der Gewissheit. So unterscheiden sich ja auch die Menschen in bezug auf die Geheimnisse der Medizin, der Rechtslehre und der übrigen Wissenschaften, da sowohl die eigene Bemühung wie die natürliche Begabung und Fassungskraft verschieden sind. Die einzelnen Grade lassen weder hier noch dort eine genaue Abgrenzung zu. Wenn du nun fragst: was ist also vom Studium der spekulativen Theologie (Kalam) zu halten ? Ist es zu verwerfen wie die Astrologie oder ist es etwas Indifferentes oder ein löbliches Werk, so wisse, dass es hierin Einseitigkeiten und übertreibungen in verschiedener Hinsicht gibt. Die einen erklären es für Neuerung und für schlechthin verboten. "Wenn der Mensch mit allen Sünden, ausgenommen en Götzendienst, vor Allah komme, so sei es besser für ihn als er komme mit Kalam." Andere behaupten, dieses Studium sei Pflicht, entweder für die Gesamtheit {wenn einige das Pflicht auf sich nehmen entfällt die Pflicht für andere} oder für die einzelnen, und es sei das beste Werk, welches Allah am meisten nahebringe ; denn der Kalam sei eine Rechtfertigung er monotheistischen Gotteslehre und eine Apologie der Religion Allahs. Zu den ersteren gehören (Imam) Schafii, Malik, Ahmed ibn Hanbal, Sufjan al-Tauri (gest.161) und die alten Tradionisten {Hadithgelehrte} samt und besonders. Abu Abd al-Ala (geb.170) erzählt: "Ich hörte den seligen Schafii eines Tages sagen, nachdem er gerade einen Disput mit Hafs al-Fard gehabt hatte, einem mu'tazilitischen Kalam-Theologen : "Es ist besser für den Menschen, Allah fine ihn mit allen Sünden beladen, ausgenommen den Götzendienst , als dass er ihn finde mit Kalam-Wissenschaft." Ferner sagte er :" Ich habe von Hafs einen Kalam gehört , den ich nicht wiedergeben kann." Ferner : "Ich habe von den Kalamleuten Dinge vernommen , die ich nie gedacht hätte." Ferner : "Dass der Mensch geprüft werde mit allem, was der erhabene Allah verboten hat , ausser Götzendienst, ist besser für ihn , als dass er Kalam-Spekulation treibe." Karabisi (gest. 245) erzählt, dass dem Imam Schafii eine theologische Streitfrage vorgelegt wurde, a sagte er ganz grimmig : "Frage darüber den Hafs und seine Kollegen, Allah möge sie zuschanden werden lassen !" Als einmal Imam Schafii krank war und Hafs al-Fard ihn besuchte und fragte "Wer bin ich ?", da antwortete Imam Schafii "Hafs al-Fard , möge Allah dir so lange seinen Schutz entziehen, bis du dich bekehrst von deinem Wege !" Ein anderer Ausspruch von ihm lautet: "Wenn die Leute wüssten, was Kalam für nichtsnutzige Einfälle stecken , würden sie davor fliehen wie vor Löwen." Ein weiterer : "Wenn ich einen sagen höre : der Name ist entweder identisch mit dem benannten oder er ist nicht identisch, dann bin ich sicher , dass er zu den Kalamleuten gehört und keine Religion besitzt." Nach Za'farani tat Imam Schafii den Ausspruch "Wenn's mir nach ginge, würden die Kalamleute mit dem Palmzweig gezüchtigt und durch alle Stämme und Lager geführt und dabei würde ausgerufen: das ist die Strafe für Leute , die Schrift und Tradition beiseite lassen und sich auf Spekulation verlegen." Imam Ahmed ibn Hanbal sagte "Aus einem Anhänger des Kalams wird nie was Ordentliches; kaum hat einer zu spekulieren angefangen, so sitzt ein schleichendes übel in seinem herzen." Er ging in seiner Ablehnung gegen Kalam so weit , dass er sogar von Harit al-Muhasibi (gest.243), der doch ein frommer Asket war, nichts mehr wissen wollte, weil dieser ein Buch "Widerlegung der Irrlehrer" geschrieben hatte. "Wehe dir", sagte er zu ihm, "zuerst legst du ihre Ketzereien dar und dann widerlegst du sie. Bist du nicht durch deine Schrift den Leuten Anlass, dass sie die Ketzerei lesen, über jene Einwürfe nachdenken und schliesslich zu Grübelei und Sondermeinungen geführt werden ?" Ein weiterer Ausspruch von Imam Ahmed lautet: "Die Kalam-Theologen sind Ketzer." Der selige Imam Malik sagte: "Lässt nicht ein solcher, wenn zu ihm einer kommt, der ihm im Disputieren überlegen ist, jeden Tag seinen Glauben fahren um einen anderen anzunehmen ?" Er wollte damit sagen , dass die Meinungen der disputierenden Theologen sich widersprechen. Ferner sagte er "Das Zeugnis der Neuerer und Vertreter von Sondermeinungen {Sekten} gilt nicht."; unter letzteren verstand er , wie einer seiner Schüler erklärt, die Kalamleute, welcher Schule sie auch sonst angehören. {Der Schüler Imam Azam Abu Hanifas} Imam Abu Yusuf sagte: "Wer die Wissenschaft durch den Kalam sucht , wird Ketzer". Hasan al Basri (gest.110) sagte: "Streitet nicht mit den Leuten der Sondermeinungen {Sekten}, verkehrt nicht mit ihnen und hört nicht von ihnen". das ist allgemeine Anschauung der alten Traditionisten (Hadithgelehrte) . Ihre scharfen äusserungen hierüber lassen sich gar nicht alle aufzählen. Sie sagen: Die Genossen des Propheten, die doch die Sache besser verstanden und auch die Worte wirksamer zu setzen wussten als andere, haben nur deshalb sich des Kalams enthalten, weil sie wussten, was daraus für Unheil erwächst. Deshalb sagte der Prophet (Friede uns Sagen Allahs sei mit ihm) : "Die Tüftler soll der Henker holen, die Tüftler soll der Henker holen, Die Tüftler soll der Henker holen !" Er meinte damit diejenigen , die sich in spitzfindige Untersuchungen vertiefen. Sier argumentieren auch so : " Wenn der Kalam zur Religion gehörte, so hätte der Prophet (Friede uns Sagen Allahs sei mit ihm) es sich ganz besonders angelegen sein lassen , darüber Vorschriften zu geben, hätte seine Methoden dargelegt und den Kalam und seine Vertreter belobt. Hat er sie doch über die Reinigung unterwiesen und ihnen die Wissenschaft des Erbrechts anempfohlen. Und er lobte seine Gefährten und verbot ihnen über die Prädestination zu spekulieren, indem er sagte: "Lasst die Prädestination !" So hielten es denn auch die Gefährten , Allah habe sie sie selig! über die meister hinauszugehen, ist aber überhebung und Unrecht, sie sind aber die Meister und das Vorbild, und wir die Nachfolger und Schüler. Die Vertreter der entgegengesetzten Ansicht aber argumentieren folgendermaßen : Wenn der Kalam deswegen verpönt sein soll, weil darin die Worte wie Substanz und Akzidens vorkommen, also fremdartige technische Ausdrücke, welche die Gefährten nicht kannten, so ist die Antwort sehr naheliegend. Gibt es ja keine Wissenschaft, in der nicht zum Zwecke der Verständigung gewisse Termini neu geschaffen werden müssten.; so ist es in der Traditionskunde, in der Schrifterklärung, in der Rechtswissenschaft der Fall. Und wenn den Alten ein Ausdruck unterkäme wie nahkd,kasr tarkib,fasad al-wad, so würden sie auch diese nicht verstehen. Mit der Prägung eines neuen Ausdruckes zur Bezeichnung eines richtigen Begriffes ist es genau so wie mit der Verfertigung von Gefässen ungewohnter Form zu einem erlaubten Zweck. Wenn man aber an dem Sinn der neuen Ausdrücke Anstoss nimmt, so entgegnen wir, dass wir darunter nichts anderes verstehen als die demonstrative Erkenntnis der zeitlichen Entstehung der Welt, der Einheit des Schöpfers und seiner Eigenschaft , wie es in der Offenbarung enthalten ist. Warum soll aber die Erkenntnis Allahs durch den beweis verboten sein ? Wenn schliesslich der Kalam deswegen unerlaubt sein soll, weil er zu Gezanke und Schulfanatismus, hass und Feindschaft führt, so sind diese Dinge allerdings verboten und man muss sich davor in acht nehmen. So ist es aber mit der überhebung , der Unwahrhaftigkeit und dem Strebertum, wozu die Wissenschaft der Tradition, der Schrifterklärung und des Rechts führt. Auch diese sind Sünde, und man muss sich davor hüten; aber deswegen ist nicht gleich die Wissenschaft verboten, weil er zu solchen Ausschreitungen führt. Wie kann auch die Anführung eines Beweises oder die Forderung und das Suchen eines solchen verpönt sein, da doch Allah der Allerhöchste selbst sagt: "Her mit eurem Beweise !"(Sure 2,105;21,24;27,65;28,75). ferner: "Wer umkommt, soll leben durch einen klaren Beweis !" (Sure 8,44) [Folgen noch einige andere Belege aus dem Koran] Kurz und gut, der Koran al karim ist von Anfang bis zu Ende eine Argumentation gegen die Ungläubigen, und der Hauptbeweis der Theologen für den Monotheismus ist der Ausspruch Allahs: "Wären im Himmel und auf Erden mehrere Götter ausser Allah, sie müssten zugrunde gehen" (Sure 21,22), und für die göttliche Sendung des Propheten: "Wenn ihr im Zweifel seid über das, was ich meinem Diener geoffenbart, so bringt doch eine ähnliche Sure zustande" (Sure 2,21; 10,39), und für die Auferstehung : "Sprich ! der wird sie wiedererwecken, der sie zum erstenmal geschaffen" (Sure 16,126). Auch die Gefährten gebrauchten dieses Mittel, wenn es not tat; das war freilich zu ihrer Zeit wenig der Fall. Das erste Beispiel, die Irrlehrer durch Gegengründe wieder auf den rechten Weg zu bringen, gab Ali (Allahs Wohlgefallen mit ihm) , als er den Ibn Abbas (Allahs Wohlgefallen mit ihm) Harijiden sandte. Der redete mit ihnen und sprach: "Was habt ihr gegen euren Imam ?" "Sie antworteten: "Er hat gekämpft, aber weder Gefangene noch Beute gemacht." "Das ist gegen Kampf mit dem Ungläubigen üblich", entgegnete er, "oder meint ihr , wenn die selige Áischa (Allahs Wohlgefallen mit ihr) in der Kamelschlacht gefangen genommen und einem von euch zugefallen wäre, hättet ihr ihr gegenüber euch dasselbe erlaubt wie mit eurem Eigentum, da sie doch nach dem Koran (siehe Sure 33,6 : "Seine (des Propheten) Frauen sind eure Mütter.") eure Mutter ist ?" Sie antworteten "Nein". Und so kehrten auf seine Argumentierung hin zwei Tausend von ihnen zum Gehorsam zurück. Auch von Hasan al Basri wird berichtet, dass er mit einem Kadariten disputierte, so dass dieser von seinem Irrtum abliess. Desgleichen von Ali (Allahs Wohlgefallen mit ihm). ferner diskutierte Abdallah ibn Masud (gest. 32) mit Jazd ibn Amira über den den Glauben. Abdallah meinte: Wenn ich sage , ich bin ein Gläubiger, so sage ich damit , ich gehöre zu den Auserwählten. Da antwortete Jazid : "Nein, Gefährter des Propheten, das ist ein Irrtum von dir. Ist der Glaube etwas anderes, als dass du glaubst an Allah, seine Engel, seine Bücher, seine gesandten, die Auferstehung und die Waage und dass du betest, fastest und Almosen gibst ? Nun haben wir aber auch Sünden. Erst wenn wir wüssten, dass diese uns vergeben sind, wüssten wir, dass wir zu den Auserwählten gehören. Deshalb sprechen wir: Wir sind Gläubige, aber nicht :Wir gehören zu den Auserwählten." Da sagte Ibn Masud: "Bei Allah, du hast recht, das war ein Irrtum von mir." Nun muss freilich gesagt werden, dass sie sich nur wenig damit abgaben, nicht viel, auch geschah es nur kurz, nicht weitläufig, und nur wo es not tat, nicht so, dass sie in Schrift und Unterweisung diese Methode befolgt und sie zu einer besonderen Kunst ausgebildet hätten. Dem ist aber folgendes entgegenzuhalten: Wenn sie sich so wenig damit abgaben, so geschah es , weil sie nur geringe Veranlassung dazu hatten, da in jener Zeit die Irrlehrer noch nicht aufgetreten waren. Und das die Kürze anlangt, so handelt es sich eben darum, den Gegner zum Schweigen zu bringen, ferner die Wahrheit herauszustellen und die Zweifel zu zerstreuen. Wenn nun der Gegner viele Einwürfe vorbringt und immer wieder insistiert, so währt es natürlich lange, ihn ad absurdum zu führen. Auch sie grenzten das Maß des Bedürfnisses nicht mit Waage und Elle ab, nahem es einmal gegeben war. Und was en Punkt anlangt, dass sie es nicht unternahmen, den Gegenstand schulmässig zu lehren und darüber zu schrieben, so taten sie das auch in er Rechtswissenschaft, Exegese und Traditionslehre nicht. Wenn es also erlaubt ist, das Recht schriftlich darzustellen und ungewöhnliche Fälle zu konstruieren, die nur selten vorkommen, entweder um sie bereitzuhalten für en Tag, wo sie wirklich eintreten, wenn dass auch selten ist, oder um den Verstand zu schärfen - nun, auch wir arbeiten die Methode der Kontroverse aus in der Erwartung, dass das Bedürfnis danach sich einstellen werde, sei es, dass Zweifel sich erheben oder eine Irrlehre entsteht, oder wir tun es, um den Verstand nicht in Verlegenheit komme, wenn er einmal unvorbereitet aus dem Stehgreif antworten muss, so wie man ja auch die Waffen vor dem Kampfe für den Tag des Kampfes in Bereitschaft hält. Das sind also die Gründe, die man für die beiden entgegngesetzten Ansichten vorbringen kann. Wenn du aber fragst: Für welche Ansicht entscheidest denn du dich ?, so wisse, dass das Richtige folgendes ist: Es wäre ebenso verfehlt, den Kalam schlehthin zu verdammen, als ihn für jeden Fall gutzuheissen. Man muss vielmehr unterscheiden. Beachte also: 1. Eine Sache kann in sich selbst verboten sein, wie z.B der Wein und das verendete. Und wenn ich sage: in sich selbst verboten, so verstehe ich darunter, dass das verbot seinen Grund in seiner Eigenschaft hat, die dem betreffenden Ding wesentlich innewohnt, also in unserem Fall die Berauschung und das verenden. Wenn wir daher über eine solche Sache gefragt werden, so sagen wir: sie ist schlechthin verboten. Ausser Betracht bleibt dabei die Erlaubtheit des Verendeten im Notfall, ebenso wie ein Schluck Wein gestattet ist, wenn jemandem ein Bissen im Hals stecken bleibt und er kein anderes Mittel zur Hand hat, ihn hinunterzuspülen, als Wein. 2. Anderes ist nicht in sich selbst, sondern wegen eines anderen verboten, wie z.B etwas zu verkaufen, solange ein anderer Muslim noch das Vorkaufsrecht hat und zur Zeit des Gebetsrufes, oder das Essen von Ton , weil es schädlich ist. Hier ist wiederum zu unterscheiden zwischen dem, was in jedem Fall, und dem, was nur im übermaß genossen Schaden bringt. Das erstere ist schlechthin verboten, wie das Gift, das auch in geringer Quantität schädlich wirken kann. Das letztere ist schlechthin erlaubt, wie z.B der Honig, der nur in grosser Menge dem Erhitzen schadet, oder wie das Essen von Ton. Und wenn der Wein als schlechthin verboten bezeichnet wird, der Honig aber als schlechthin erlaubt, so geschieht das mit Hinsicht auf das Gewöhnliche. - So oft man mit einer Sache zu tun hat die entegegengesetzte Seiten darbietet, ist es, um keine Unklarheiten aufkommen zu lassen, das ratsamste, dass man eine Einteilung vornehme. Damit wollen wir zum Kalam zurückkehren. Und zwar behaupten wir, dass in ihm sowohl Nutzen als auch Schaden liegt. Mit Hinsicht auf den Nutzen ist er da, wo er Nutzen bringt, erlaubt und löblich oder sogar Pflicht, je nach Umständen. Mit Hinsicht auf den Schaden ist er da, wo er Schaden stiftet , verboten. Der Schaden besteht aber darin, dass er Zweifel erregt, die Glaubenssätze erschüttert und die festeingewurzelte überzeugung zerstört. Diese Folgen stellen sich gleich im Anfang ein, und ob infolge der Beweisführung der frühen Glaube wiederkehrt, ist zweifelhaft, die Menschen verhalten sich hierin verschieden. Das ist der eine Schaden, den der Kalam für den rechten Glauben im Gefolge hat. Der andere Schaden besteht darin, dass er die Irrgläubigen in ihrer überzeugung bestärkt und sie in deren Herzen befestigt, indem die Gründe, die für dieselbe sprechen wieder aufgefrischt werden und sie nun um so hartnäckiger daran festhalten. Aber dieser Schaden ist nur eine Folge des Fanatismus, der durch die Polemik entfesselt wird. Beim gewöhnlichen Irrgläubigen macht man die Wahrnehmung, dass sein irriger Glaube durch die gütige Behandlung in kürzester Zeit verschwindet. Ist er aber in einer Gegend aufgewachsen, wo Polemik und Fanatismus herrschen, so dürfen die Alten und die Modernen sich gegen ihn zusammentun, sie vermögen es nicht, die Irrlehre aus seinem herzen zu reissen, sondern der leidenschaftliche Fanatismus und der Hass auf die Opponenten und die Gegenpartei nimmt sein herz völlig in Beschlag und hindert ihn, die Wahrheit zu sehen. ja würde man ihn fragen: willst du , dass Allah der Herr dir den Schleier wegziehe und mit Evidenz zeige, dass dein Gegner recht hat, er ginge nicht darauf ein, aus Furcht, dass dieser darauf triumphieren könne. Das ist der furchtbare Krebsschaden, der verderbenbringend über Land und Leute sich ausbreitet, und schuld daran sind die Polemiker mit ihrem Fanatismus. So viel über den Schaden des Kalams. Was seinen Nutzen betrifft, so meint man, er liege darin, dass er die Wahrheit ans Licht bringt und die Dinge sehen lässt, wie sie sind. Aber leider versagt der Kalam in der Erfüllung dieser hehren Aufgabe; er stiftet vielleicht mehr Verwirrung und Irrtum, als er Aufklärung und Verständnis bringt. Wenn du eine solche Rede von einem Traditionisten oder Hasawi hören würdest, könntest du wohl meinen, die Leute bekämpfen eben das, was sie nicht verstehen. So vernimm denn das Folgende von einem Manne, der im Kalam beschlagen ist und nun einen Hass gegen ihn gefasst hat, nachdem er ihn aufs Gründlichste erprobt, in alle seine Tiefen eingedrungen und die höchste Stufe der Mutakallimun erreicht, der darüber hinaus sich in anderen Wissenschaften vertiefte, die mit dem Kalam sich berühren, und der die feste überzeugung gewonnen hat, dass der Weg zur Kalam wenigstens in einigen Fragen Licht und Aufklärung und Verständnis gebracht, aber das ist nicht viel und betrifft offenkundige Dinge , die du vielleicht schon verstehst, ehe du dich in die Kunst des Kalams vertiefst. Sein Nutzen besteht vielmehr einzig und allein darin, das oben dargelegte Glaubensbekenntnis dem Volke zu erhalten und auf dem Weg der Kontroverse gegen die Scheingründe der Irrlehrer zu verteidigen. ( S 27 ) Denn der gemeine Mann ist kein Denker und lässt sich leicht durch den Einwurf eines Häretikers aus der Fassung bringen, wenn dieser auch nichtig ist. Eine Nichtigkeit lässt sich aber dadurch zurückweisen, dass man ihr eine andere entgegensetzt. Die gewöhnlichen Menschen haben einfach an die dargelegte Glaubensregel sich zu halten, nachdem sie geoffenbart ist, weil davon ihr Heil in diesem und in jenem abhängt und die Alten darin übereinstimmen. Das Amt der Religionsgelehrten aber ist es, diesen Glauben dem Volk zu bewahren gegenüber dem Blendwerk der Irrlehrer, gleichwie es Aufgabe der Herrscher ist, Hab und Gut der Untertanen gegen ungerechte und gewalttätige Angriffe sicherzustellen. Nachdem nun der Nutzen und Schaden des Kalams klargelegt ist, muss derjenige, den es angeht, verfahren wie der tüchtige Arzt bei der Anwendung von gefährlichen Arzneien, indem er sie nur am rechten Ort gebraucht, dass heisst wenn und insoweit des Bedürfnis es erfordert. Um ins einzelne zu gehen, so muss der gemeine Mann, der eine Kunst oder ein Handwerk betreibt, wenn er den rechten Glauben besitzt, einfach darin belassen werden, und er besitzt ihn, wenn er das von uns dargelegte Glaubensbekenntnis in sich aufgenommen hat. Solche Leute des Kalam zu lehren, wäre für sie reiner Schaden; denn er würde vielleicht nur Zweifel bei ihnen anregen und ihren Glauben erschüttern, Dinge , die hernach nicht mehr gutgemacht werden können. Was den gemeinen Mann angeht, der einer Irrlehre zugetan ist, so muss man ihn für die Wahrheit zu gewinnen suchen durch gütige Behandlung ohne Leidenschaftlichkeit und durch einen sanften Kalam, der sich möglichst nahe an den Wortlaut der beweise des Korans hält, untermischt mit Mahnung und Warnung. das ist weit dienlicher als eine regelrechte Diskussion nach Art der Scholastiker, denn wenn der gemeine Mann eine solche hört , so hat er den Eindruck, es sei das eben eine besondere Kunst, die der betreffende zu dem Zweck sich angeeignet hat, um den Leuten seine Ansicht aufzureden. Wenn er auch selbst ihm nicht zu erwidern vermag, so setzt er doch voraus, dass die mit dem Disputieren vertrauten Leute seiner Richtung wohl imstande wären, ihm hinauszugeben. Daher ist die Diskussion mit ihm ebenso wie mit dem ersteren verboten. Dasselbe gilt für einen, der in Zweifel geraten ist. Dieser ist vielmehr zu beseitigen durch gütige Ermahnung und die nächstliegenden anerkannten beweise, die sich fernhalten von tiefgehender Erörterung. Eine ins einzelne gehende Diskussion ist nur ein einem Falle angebracht, dann nämlich, wenn ein Laie infolge einer Argumentation entgegengetreten wird, wieder zum rechten Glauben zurückgeführt werden könnte. das ist der Fall bei solchen, die offenbar mit dialektischer Argumentation vertraut und durch für die gewöhnlichen Ermahnungen und Warnungen unzulänglich geworden sind. Bei ihnen ist es so weit gekommen, dass nur mehr die Arznei der Argumentation Hilfe bringen kann; ihnen darf man sie daher auch eingeben. In einem Land , wo die Irrlehre nur geringe Verbreitung hat und es keine verschiedenen Richtungen gibt, begnügt man sich mit der einfachen Darlegung des angeführten Glaubensbekenntnisses und lässt sich nicht auf Beweise ein, sondern man wartet damit, bis etwa Schwierigkeiten sich einstellen. ist das der fall, so gibt man an Beweisen so viel, wie notwendig ist. Wenn hingegen die Irrlehre weitverbreitet ist und man für die jungen Leute fürchten muss, dass sie sich davon verführen lassen, so kann es nichts schaden, wenn man ihnen so viel davon beibringt, wie wir im Buch "Jerusalemisches Sendschreiben" niedergelegt haben, um auf diese Weise der Einwirkung der ketzerischen Argumentationen entgegenzuarbeiten, wenn diese an sie herantreten. es ist das ein ganz kurzer Abriss, den wir eben wegen seiner Kürze diesem Buche einverleibt haben. wartet. Ist aber der Betreffende sehr intelligent und es führt ihn sein Scharfsinn auf einen Fragepunkt oder es erhebt sich in seiner Seele ein Zweifel, dann ist das gefürchtete übel da und die Krankheit zum Ausbruch gekommen, dann darf man noch weiter mit ihm gehen und ihm soviel bieten, wie wir im Buch "Der Mittelweg im Glauben" dargelegt haben. Es ist 50 Blätter stark und enthält nur solche Erörterungen, die sich auf die Grundwahrheiten des Glaubens beziehen, keine anderen scholastischen Untersuchungen.

{"al Itikad fi al iktisad". Das Buch ist arabisch. Es gibt auch eine türkische übersetzung im Jahre 1971; und in englisch teilweise in :Al-Ghazali on Divine Predicates and their Properties (Al-Iqtisad fil-itikad), Abdurrahman Abu Zaid,Lahore (Pakistan) }

Wenn ihm das genügt, so lässt man es dabei bewenden, hilft es aber nicht, dann ist das übel chronisch geworden und die Krankheit nimmt immer weiter überhand. da muss ihn der Arzt mit möglichster Milde und Schonung behandeln und das weitere dem Allerhöchsten anheimstellen, sei es, dass ihm durch göttliche Eingebung die Wahrheit enthüllt werde oder dass er im Zweifel verharre, solange es ihm vorherbestimmt ist. Vom Maße dessen also, was das genannte Buch und ähnliche Werke enthalten, lässt sich Nutzen ziehen für ihn erhoffen; über dieses Maß hinaus gibt es zwei Möglichkeiten: Erstens die Spekulation über nichtdogmatische Dinge, so über die Spannungen, die Seinsweisen, die verschiedenen Wahrnehmungen und die Spekulation über das Sehen, ob es einen Gegensatz hat, der Hemmung oder Blindheit heisst, und ob diese eine ist in Bezug auf alles , was der Blinde behindert ist zu sehen, oder ob für jedes einzelne sichtbare Ding, das er sonst sehen könnte , eine besondere Hemmung anzunehmen ist und was dergleichen extravagante Albernheiten mehr sind. zweitens kann man diese Beweise in nichtdogmatischer Materie weiter ausführen und Fragen und Antworten daran knüpfen lassen. Aber auch das sind Spitzfindigkeiten, die denjenigen, dem das erwähnte Maß nicht genügt, nur noch mehr beirren und betören. bei mancher Erörterungen wird eben durch gar zu gründliches Verfahren die Sache nur noch verworrerener. Man könnte vielleicht einwenden: Die Spekulation über die Wahrnehmungen und die Spannungen ist insofern nützlich, als sie den Geist schärft, der Geist ist aber das Werkzeug der Religion wie das Schwert das Werkzeug für den Djihad ist; es kann somit nicht verwehrt sein, ihn zu schärfen. Aber das ist gerade so, als wollte man sagen: das Schahspiel schärft den Geist, also gehört es zur Religion. Das ist Geflunker, denn der Geist wird durch die übrigen Offenbarungswissenschaften geschärft, wobei kein Schaden zu befürchten ist. Nun weisst du, inwieweit der Kalam zu verwerfen und inwieweit er etwas Löbliches ist und unter welchen Umständen das eine oder das andere der Fall ist, ferner welche Personen daraus nutzen ziehen und welche nicht. Da könntest du folgendermaßen argumentieren: du hast zugestanden, dass der Kalam zur Widerlegung der Irrlehren nötig ist; nun wohl, die Irrlehren sind entstanden, alles ist damit heimgesucht, das Bedürfnis macht sich geltend. es muss also die Beschäftigung mit dieser Wissenschaft zur Pflicht der Allgemeinheit werden wie der Schutz des Eigentums und der übrigen rechte, so also wie das Richteramt, die Verwaltung usw. Solange die Gelehrten sich damit abgeben, diesen Gegenstand in Wort und Schrift zu behandeln und zu studieren, hat er keinen dauernden bestand, wenn er aber ganz beiseite gelassen wird, so verschwindet er überhaupt. Der natürliche Verstand allein genügt aber nicht, um die Einwürfe der Irrlehrer zu lösen, sondern das muss eigens gelernt werden. Es muss also auch der Unterricht im Kalam und das Studium desselben zu einer Pflicht der Allgemeinheit werden im Unterschied gegen die Zeit der Gefährten, Allah habe sie selig. damals machte sich eben das Bedürfnis nicht geltend. Wisse also, dass das Richtige folgendes ist: Es muss in jedem Bezirk einen geben, der sich mit dieser Wissenschaft abgibt und der fähig ist, die Angriffe der Irrlehrern zurückzuweisen, die in dem betreffenden Bezirke herrschen. Und diese Fähigkeit wird auf dem Wege des Unterrichts fortgepflanzt. Es wäre aber verfehlt dieselbe öffentlich zu lehren, wie etwa die Rechtswissenschaft oder die Schrifterklärung. Denn der Kalam ist gleichsam eine Arznei; wir haben die verschiedenen Schädlichkeiten ja oben dargelegt. Der Meister des Kalams muss also bei der Wahl eines Schülers auf drei Eigenschaften sehen: 1. Dieser muss sich einzig der Wissenschaft widmen und eine Leidenschaft dafür haben. Denn wer ein weltliches Geschäft betreibt, der hat keine Zeit , die Sache durchzudenken und sich der Zweifel zu entledigen, wenn sie ihm aufsteigen. 2. Er muss eine scharfe Auffassungsgabe und Beredsamkeit besitzen. Denn ein beschränkter Kopf wird zu keinem rechten Verständnis gelangen, der geistig Schwerfällige aber hat kein Glück im Disputieren. bei ihm sind die Schäden des Kalams zu befürchten, aber nichts von seinem Nutzen zu erhoffen. 3. Er muss durch lauteren Wandel, religiösen Sinn und Gottesfurcht auszeichnen und darf sich nicht von den Leidenschaften beherrschen lassen. Ein sittenloser Mensch wirft nämlich beim geringsten bedenken die Religion weg. Denn auf diese Weise beseitigt er die Schranken, die ihm die Befriedigung seiner Lüste verwehren. Er gibt sich auch gar keine Mühe, den Zweifel loszuwerden. Dieser ist ihm vielmehr eine willkommene Gelegenheit , sich der Last der Verpflichtung zu entledigen, so dass ihm ein solches Wissen eher zum verderben als zum Segen gereicht. Wenn du die vorausgehenden Absätze verstanden hast, so leuchtet es dir ein, dass beim Kalam nur solche Beweise lobenswert sind, die denen des Korans gleichen, d.h. ansprechende Worte, die auf das Herz Eindruck machen und der Seele etwas bieten, die sich nicht in Distinktionen und Spitzfindigkeiten verlieren. Davon verstehen die meisten Menschen doch nichts, und wenn sie es verstehen, so sind sie überzeugt, dass es nur Taschenspielerei ist, eine Kunst, die der betreffende gelernt hat, um anderen etwas vorzumachen; wenn er aber einen ebenbürtigen Gegner fände, so würde der der selige Imam Schafii und die Alten alle nur deswegen von der ausschliesslichen Beschäftigung mit dem Kalam nichts wissen wollen, weil darin der Schaden liegt, auf den wir hingewiesen haben. Der von Ibn Abbas (Allahs Wohlgefallen mit ihm) überlieferte Disput mit den Harijiten und der von Ali (Allahs Wohlgefallen mit ihm) über die Prädestination war ein klarer und deutlicher Kalam und notwendig am Platze. In einem solchen Falle ist er immer lobenswert. Nun ist allerdings das Maß des Bedürfnisses je nah den Zeiten verschieden. Es ist daher nicht befremdlich, dass auch sein Geltungsbereich danach verschieden ist. Dieser erstreckt sich auf das für den Menschen verbindliche Glaubensbekenntnis und die Methode , es zu verteidigen und zu behüten. was aber die Beseitigung der Zweifel anlangt, die Enthüllung der Wahrheit, die Erkenntnis des Wesens der Dinge, wie sie sind, und das Verständnis der Geheimnisse, auf die der Wortsinn jenes Glaubensbekenntnisses hinweist, so gibt es keinen Schlüssel hierzu als den geistlichen Kampf und die Bezähmung der Leidenschaften, ferner die gänzliche Hingabe an Allah dem Erhabenen und dass man Ihm anhange mit einem Sinn , der rein ist von den Makeln des Schulgezänkes. es ist das ein Gnadenerweis von Allah dem Allerhöchsten, der dem zuteil wird, der einem Anhauch sich hingibt, entsprechend dem Gnadenmaße und dem Grade der Reinheit des Herzens. das ist ein unergründliches uferloses Meer. Frage : Du könntest nun entgegnen: Diese Ausführung will wohl besagen, dass diese Wissenschaften eine äussere und eine innere haben, ein Teil davon ist ohne weiteres klar, ein anderer hingegen ist verborgen und erschliesst sich nur durch angestrengstes geistiges Exerzitium und hingebendes Forschen, einen reinen Sinn und ein Herz, das frei ist von überflüssigen weltlichen Bestrebungen. Das scheint aber der Offenbarung zu wiedersprechen, denn diese kennt kein äusseres und Inneres, Geheimes und Offenbare sind darin ein und dasselbe. Antwort: Wisse also, dass die Einteilung dieser Wissenschaft in esoterische und exoterische von keinem Tieferblickenden verworfen wird, sondern nur von beschränkten Köpfen, die in früher Jugend sich etwas angeeignet haben und darin verknöchert sind, ohne aufzusteigen zu einem höheren Ziel und zu den Gnaden der Religionsgelehrten und Heiligen (Sufis). Das gesagte wird klar durch beweise aus der Offenbarung. Sagt doch der Prophet (Allahs Segen und Frieden mit ihm) : "Der Koran enthält äusseres und Inneres, ein Ziel und einen Aussichtspunkt." Und Ali (Allahs Wohlgefallen mit ihm) sprach , indem er auf seine Brust deutete: "Hier sind Wissenschaften in Menge, wenn dafür sich Träger fänden." Der Prophet (Allahs Segen und Frieden mit ihm): "Wir Propheten sind geheissen, zu den Menschen ihrer Fassungskraft entsprechend zu reden." Ferner: "Niemals hat einer der Menge etwas erzählt, was nicht ihrem Verständnis angepasst war, ohne dass es für sie zu einer Versuchung geworden wäre." Im Koran heisst es "Diese Gleichnisse bringen wir den Menschen vor und es verstehen sie nur die Wissenden." (Sure 29,42) Der Prophet (Allahs Segen und Frieden mit ihm) sagt weiter : "Mit der Wissenschaft ist es wie mit etwas verborgenem, das nur die Religionsgelehrten kennen" usw. Ferner : "Wenn ihr wüsstet was ich weiss, ihr würdet wenig lachen und viel weinen." Das war doch offenbar ein Geheimnis, das er deshalb nicht mitteilen durfte , weil es ihre Fassungskraft überstiegen hätte oder aus einem sonstigen Grunde. Und warum hat er es ihnen nicht mitgeteilt, da sie ihm doch ohne Zweifel geglaubt hätten, wenn er es getan hätte ? In Hinblick auf das Wort Allahs: " Allah ist es , der sieben Himmel geschaffen und von der Erde desgleichen, es steigt herab der Befehl zwischen ihnen" (Sure 65,12) sagte Ibn Abbas (Allahs Wohlgefallen mit ihm) : "wenn ich euch die Auslegung davon mitteilen würde, so würdet ihr mich steinigen", und nach einer anderen Lesart "so würdet ihr sagen, er ist ein Ungläubiger". - Der Prophet (Allahs Segen und Frieden mit ihm) sagte "Nicht das viele Fasten und beten ist es , worin Abu Bekr vor euch sich auszeichnet, sondern das Geheimnis, das seine Brust belastet." Es ist kein Zweifel, dass dieses Geheimnis auf die Grundlehren der Religion sich bezog und nur auf diese. was aber zu diesen Grundlehren gehörte, dessen Wortsinn hat er niemandem vorenthalten. Sahl al-Tustari sagt: "Der Wissende hat ein dreifaches Wissen, das äussere, das er den Leuten des äusseren mitteilt, das innere, das er nur denen, die fähig sind, zu offenbaren vermag, und ein Wissen, das zwischen ihm und Allah dem Allerhöchsten besteht, das teilt er keinem mit." Ein Wissender (Arif) sagt "Das Geheimnis der Gottheit mitzuteilen ist Unglaube." Ein anderer: "Die Gottheit hat ein Geheimnis, wenn es preisgegeben wird, wird die Prophetie zunichte. Und die Prophetie hat ein Geheimnis, wenn es enthüllt wird, wird die Wissenschaft zunichte. Und die Religionsgelehrten haben ein Geheimnis, wenn sie es preisgeben, so werden die Gebote zunichte." Wenn dieser Autor nicht damit hat sagen wollen, dass die Prophetie bei den geistig Schwachen wegen ihrer beschränkten Auffassungsgabe ihren Wert verliert, so ist nicht richtig, was er behauptet. das Richtige ist vielmehr, dass die beiden einander nicht aufheben, und der Vollkommene ist der, bei dem das Licht der Erkenntnis das Licht der Frömmigkeit nicht auslöscht; und die Stütze der Frömmigkeit ist die Prophetie. Frage: Du könntest nun entgegnen: Die angeführten Schriftstellen und Traditionen lassen mannigfache Ausdeutungen zu. So sag uns doch klipp und klar, wie Wortsinn und innerer Sinn sich unterscheiden. Denn wenn das Innere zum äusseren im Gegensatz steht, so liegt darin die Aufhebung der Offenbarung. es kommt das auf den Satz hinaus, dass die Wahrheit und die Offenbarung einander widersprechen, und das ist Unglaube; denn die Offenbarung ist Ausdruck des Inneren. Wenn aber kein Widerspruch und Gegensatz besteht, sondern beide identisch sind, so fällt die obige Unterscheidung und die Offenbarung hat kein Geheimnis, das nicht mitgeteilt würde, sondern das Verborgene und Offenbare ist ein und dasselbe. Antwort: Diese Frage rollt ein ungemein schweres Problem auf und führt zu den Wissenschaften der Erleuchtung, gehört nicht also zur Aufgabe der praktischen Wissenschaft, die den Gegenstand des vorliegenden Buches bildet. Denn die Glaubenssätze, die wir dargelegt haben, sind Akte des Herzens, und es ist unsere Pflicht , sie gläubig hinzunehmen, indem wir unser herz an sie Knüpfen. Nicht als ob wir dahin kommen müssten, dass ihr inneres Wesen uns erschlossen werde, denn dazu sind nicht alle Menschen verpflichtet. Wenn jenes Bekenntnis nicht zu den Akten gehören würde, so hätten wir es nicht in diesem Buch niedergelegt, und wäre es nicht ein Akt des äusseren Herzens, sondern etwa des Inneren, so hätten wir es nicht in der ersten Hälfte dieses Werkes gebracht. Nur die eigentliche Intuition ist ein Attribut des Inneren Herzens. Wenn aber meine Darlegung zu dem bedenken Anlass gibt, als ob der äussere Sinn dem inneren widerspreche, so muss ich kurz und klar reden, um dieses Bedenken zu lösen. Wer also behauptet, dass die Wahrheit der Offenbarung widerspricht oder der innere Sinn den äusseren aufhebt, der steht dem Unglauben näher als dem Glauben. Was vielmehr die Geheimnisse betrifft, deren Erkenntnis den Mukarrabun (Nahgestellten) im Unterschied von den meisten anderen ausschliesslich vorbehalten ist und die sie nicht mitteilen dürfen, so lassen sich im ganzen fünf Fälle unterscheiden: 1. Die Sache ist in sich so subtil, dass der Verstand der meisten unfähig ist, sie zu begreifen. Diese aber dürfen sie den Unfähigen nicht mitteilen, damit es ihnen wegen ihrer beschränkten Auffassungsgabe nicht zur Versuchung werde. Hierher gehört über die Tatsache, dass der Prophet sich nicht darauf eingelassen hat, über das Wesen des Geistes (der Seele, arabisch : Ruh) eine Erklärung abzugeben (vgl. Sure 17/87); denn sein Wesen zu erfassen und sich vorzustellen sind die Verstandeskräfte unfähig. Du darfst aber nicht meinen, sein Wesen sei auch dem Propheten verborgen geblieben. Denn wer den Geist (Seele) nicht erkennt, ist, als ob er sich selbst nicht erkennte, wie kann er da seinen Herrn erkennen ? Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass es auch einigen Heiligen und (islamischen Religions-) Gelehrten enthüllt worden sei, wenn sie auch keine Propheten waren. aber sie befolgten dann die Regeln der Offenbarung und verschwiegen das, was er verschwiegen hatte. Auch was die Eigenschaften Allahs anlangt, so gibt es darin Verborgenheiten, welche der Verstand der Menge zu schwach ist, zu fassen. Davon hat der Prophet nur das ihrem Verstand Einleuchtende mitgeteilt, wie Wissen, Macht usw., damit es die Menschen durch eine Art Analogie begreifen. Denn da sie selbst Eigenschaften besitzen, die Wissen und Kraft heissen, so können sie darnach die göttlichen sich vorstellen. Würde von Allah eine Eigenschaft mitgeteilt, wovon die Menschen bei sich keine Analogie zu Gebote stünde, so würden sie dieselbe nicht verstehen. Sic puer vel impotens delectationem coitus non cognoscit nisi ex analogia delectationis cibi, qum novit. Aber ein eigentliches Verstehen ist das nicht. Nun ist aber der Unterschied zwischen dem Wissen und der Macht Allahs und der des Menschen grösser als der inter delectationem coitus et cibi. überhaupt erkennt der Mensch nur sich selbst und seine eigenen Zustände, wie sie ihm augenblicklich gegenwärtig sind oder wie er sie früher einmal gehabt hat. Auf Grund der Vergleichung sagt er sich dann, dass es bei anderen ebenso ist. Dann urteilt er, dass zwischen beiden ein Unterschied besteht. Der Mensch kann also von Allah nichts anderes aussagen, als was er von sich selbst aussagt, nämlich dem Urteil, dass sie bei Allah eigenen Hoheit vorzudringen. deshalb sagt der Prophet : " Ich vermag nicht, dich zu loben, wie du dich selbst lobst." Damit meint er nicht: Ich bin nicht imstande, auszudrücken, was ich erkannt habe, sondern es ist das Eingeständnis seiner Unfähigkeit, das Wesen der göttlichen Majestät zu begreifen. deshalb sagt jemand : "Niemand kennt Allah in Wahrheit, als Allah der Allerhöchste." Und der selige Abu Bakr, der Gerechte, sagt : "Gelobt sei Allah, der den Geschöpfen keinen anderen Weg gegeben hat, ihn zu erkennen, als vermittels der Unzulänglichkeit , ihn zu erkennen." Doch lassen wir diese Untersuchung und kehren wir zu unserem Gegenstand zurück Wir sagten also, dass es erstens Objekte gibt, die zu erkennen der verstand unfähig ist. Zu ihnen gehört der Geist (Seele, arabisch:"Ruh") und gewisse Eigenschaften Allahs. Darauf deutet vielleicht der Ausspruch des Propheten hin : "Allah hat siebzig Schleier von Licht; wenn er sie wegzöge, so würde die Hoheit seines Antlitzes jeden verbrennen, auf den sein Blick fällt." 2. Bei der zweiten Klasse von Geheimnissen, welche die Propheten und Gerechten nicht mitteilen dürfen, handelt es sich um Dinge, die in sich begreiflich sind, also die Fassungskraft nicht übersteigen, aber ihre Mitteilung würde den meisten, die sie vernehmen, Schaden bringen, während sie den Propheten und Gerechten nicht schaden. Dahin gehört das Geheimnis der Prädesnation, welches die Wissenden nicht (im Ganzen) verraten dürfen. Dass die Mitteilung gewisser Wahrheiten manchen Menschen schadet so wie das Sonnenlicht den Augen der Fledermäuse oder der Rosenduft dem Mistkäfer, darf nicht befremden. man bedenke doch nur, dass nach unserer überzeugung Unglaube, Unzucht sowie die Sünde und das übel überhaupt von Allah bestimmt sind, Sein Wille aber sich Selbst Gesetz ist. Diese Sätze haben in der Tat schon manchen, die sie hörten, geschadet und sie zur Meinung verführt, solches sei Irreleitung, widerspreche der Weisheit und enthalte eine Billigung des Bösen und der Ungerechtigkeit. Auch Ibn al-Rawendi und andere Unglückselige sind infolge davon in Häresie verfallen. So würde das Geheimnis der Prädestination, wenn es verraten würde, bei den meisten Menschen die Vorstellung einer Unvollkommenheit auf Seiten Allahs wachrufen, da ihr Verstand zu beschränkt ist, um das, was diese falsche Vorstellung beseitigen, zu begreifen. Ein anderes Beispiel: Würde der Zeitpunkt der Auferstehung geoffenbart, dass sie etwa nach tausend Jahren oder früher oder später stattfinden werde, so wäre das gewiss zu verstehen, aber zum Wohl der Menschen und wegen des zu befürchtenden Schadens geschah das nicht. Denn es handelt sich entweder um einen langen Zeitraum und der Termin ist noch weit entfernt; dann dächten die Menschen, die Strafe lässt noch lange auf sich warten und würden nur wenig sich zusammennehmen. Oder sie wäre nach Allahs Wissen nahe bevorstehend, dann entstünde durch die Mitteilung davon eine gewaltige Furcht, die Menschen liessen alle Arbeit liegen und die Welt würde zu einer Wüste werden. Das ist wohl ein zutreffendes Beispiel für diese zweite Klasse. 3. Eine Sache kann, wenn sie mitgeteilt würde, dem Verständnis klar sein, es braucht auch darin kein Schaden zu liegen, aber sie enthält eine uneigentliche Redeweise, eine Metapher und Anspielung, damit der Eindruck auf den Zuhörer nachhaltiger sei, wobei es im Interesse des letzteren liegt, dass er recht stark sei. Wenn z.B. jemand sagt: ich sah den und den der Sau Perlen umhängen, so meint er damit: der Betreffende hat sein Wissen und seine Weisheit an einen Unwürdigen verschwendet. Hier versteht jeder, der das hört, sogleich den Wortsinn. Ein Kundiger aber braucht nur hinzusehen und zu bemerken, dass der Betreffende gar keine Perlen bei sich hat und kein Schwein dort ist, so versteht er den eigentlichen tieferen Sinn. Darin zeigt sich der Unterschied zwischen den einzelnen Menschen. In diese Klasse gehören auch die folgenden Verse: "Zwei Männer , der eine ein Schneider , ein Weber der andere , stehen einander gegenüber im Sternbild der Jungfrau. Jener webt unaufhörlich den Riss eines Rückwärtsgehenden und es näht sein Genosse die Kleider des Vorwärtsgehenden." Hier wird eine astronomische Erscheinung ausgedrückt durch das Vorwärts- und rückwärtsgehen zweier Handwerker. [Es folgen ähnlich Beispiele die nicht aufgeführt werden] Dass in solchen Fällen ein vom äusseren verschiedener Sinn vorliegt lehrt entweder die Vernunft oder die Offenbarung, ganz unmöglich ist, wie z.B. im Ausspruch des Propheten: "Das Herz des Gläubigen ist zwischen zwei Finger des Barmherzigen"; denn wenn wir die Herzen der Gläubigen untersuchen , so finden wir darin keinen Finger. Daraus ergibt sich, dass es nur ein bildlicher Ausdruck für die Allmacht Allahs ist, die hier im Grunde gemeint ist. Und der Ausdruck "Finger" wurde gewählt , weil das ein besonders drastisches Mittel ist, um ein Begriff von der Vollkommenheit Seiner macht zu geben. - Hierher gehört auch ein anderer uneigentlicher Ausdruck für die Macht Allahs nämlich die Koranstelle :" wenn wir ein ding wünschen, so sprechen wir zu ihm nur Sei! so ist es" (Sure 16/42). diesen Ausspruch wörtlich zu nehmen, ist deshalb ausgeschlossen, weil der Imperativ "Sei!" als Anrede an eine Sache, die noch nicht existiert, widersinnig wäre, denn was nicht existiert, versteht auch nicht auch nicht eine Mitteilung, um sie befolgen zu können; wenn die Sache aber bereits existiert, so braucht sie nicht erst geschaffen zu werden. Weil jedoch dieser bildliche Ausdruck besonders eindrucksvoll ist, um die Allgewalt Allahs zur Anschauung zu bringen, so hat Er ihn gewählt. der andere fall , dass nämlich der wirkliche Sinn in positiver Weise bestimmt ist, liegt dann vor , wenn eine wörtliche Interpretation möglich wäre, die überlieferung aber eine andere verlangt, wie z.B in der Erklärung des Wortes Allahs: "Er schickte Wasser vom Himmel, da flossen die Täler, so weit sie waren." (Sure 13/18 und die darauffolgenden Verse worauf Bezug genommen wird in Laufe der Ausführung). Denn mit dem Wasser vom Himmel ist hier der Koran gemeint und mit den Tälern die Herzen, von denen die einen viel fassen, andere wenig und wieder andere gar nichts. Und der Gischt ist ein Bild des Unglaubens; denn wenn er auch nach etwas aussieht und aufschäumt auf der Oberfläche des Wassers, so hat er doch keinen Bestand; die göttliche Leitung aber, die dem Menschen zum Heile dient, ist von Dauer. - in dieser Art der Auslegung sind manche sehr weit gegangen; indem sie das über die letzten Dinge Geoffenbarte allegorisch erklärten, so die Waage, die Brücke usw. das ist aber Irrlehre, da eine solche Erklärung keine Stütze in der überlieferung (Hadithe) hat und die wörtliche Interpretation keinen Widerspruch enthält. jene Ausdrücke sind daher wörtlich zu verstehen. 4. Ein vierter Fall ist der, dass jemand etwas zunächst ganz allgemein erkennt, im einzelnen durch eigentliches Innewerden, indem er es an sich selbst erlebt. Es besteht also ein Unterschied zwischen den beiden Erkenntnissen. Die Erste verhält sich wie die Schale, die zweite wie der Kern, die erste wie das äussere, die zweite wie das Innere. wenn z.B im Auge jemands eine Person sich spiegelt in der Dunkelheit oder aus weiter Entfernung, so erlangt er gewiss eine Art Erkenntnis; wenn er diese Person aber dann in der Nähe sieht oder nachdem die Dunkelheit geschwunden ist, so merkt er den Unterschied zwischen beiden. die zweite Erkenntnis steht aber nicht im Gegensatz zur ersten, sondern ist deren Vervollkommung. So verhält es sich auch mit dem wissen und dem Glauben und Fürwahrhalten (überzeugung). Der Mensch glaubt an die Existenz der Liebe, der Krankheit, des Todes, bevor sie eintreten, aber sein eigentliches Wesen davon ist nach ihrem Eintreten vollkommener als zuvor. In bezug auf Leidenschaft, Liebe und andere Seelenzustände, ist für den Menschen ein dreifaches Verhältnis denkbar, wonach auch die Erkenntnis verschieden sich gestaltet: Erstens der blosse Glaube daran, bevor man sie hat; zweitens, wenn man sie hat; drittens, nachdem er gestillt ist. So gibt es auch in der religiösen Erkenntnis Dinge, die vollkommenes Erlebnis werden, das ist dann gleichsam das Innere gegenüber dem vorhergehenden Zustand. So ist auch das wissen des Kranken von der Gesundheit ein anderes als das des Gesunden. Was die erwähnten vier Abteilungen betrifft, so unterscheiden sich darin die einzelnen Menschen, aber nirgends hebt dabei das Innere das äussere auf, sondern vervollständigt es wie der Kern die Schale. Punktum. 5. Es kann durch die gesprochene Sprache die "Sprache der Tatsachen" ausgedrückt werden. Ein beschränkter Kopf versteht da den Wortsinn und hält es für ein wirkliches Sprechen, wer aber der Sache auf den Grund sieht, der versteht, was eigentlich gemeint ist. so in den folgenden Sätzen: "Es sprach die Wand zum Pflocke: warum durchbohrst du mich ? er sprach Frag' den , der mich klopft und nicht in Ruhe mich lässt und schau nach dem Stein, der hinter mir." Hier ist durch die äussere Sprache die Sprache der Tatsachen ausgedrückt. So ist es auch in folgendem Wort Allahs :" Dann sprach er zum Himmel und zur Erde : Kommt, gern oder ungern. Sie antworteten :Wir kommen gern." (Sure 41,10) Der Einfältige muss, um das zu begreifen, bei Himmel und Erde Leben und Verstand vorraussetzen, damit sie die Anrede verstehen können, und diese selbst, damit sie die anrede verstehen können, und diese selbst muss nach ihm aus Lauten und Buchstaben bestehen, damit Himmel und Erde sie hören und ebenso antworten können, indem sie sprechen: "Wir kommen gern". Aber der Einsichtige weiss, dass hier nur den Tatsachen eine Sprache verliehen wurde und der Sinn ist, dass sie mit absoluter Notwendigkeit gehorchen müssen. - ähnlich im Wort Allahs: "Es gibt nichts, was nicht sein Lob verkündet" (Sure 17,46). Auch hier muss der Einfältige, um die Lobesverkündigung zu begreifen, bei den leblosen Dingen Leben und Verstand und lautliches Sprechen vorraussetzen, damit sie sagen können: Gelobet sei Allah. Der Verständige aber weiss, dass kein Sprechen mit der Zunge gemeint ist, sondern dass sie sein Dasein preisen, sein Wesen verherrlichen und seine, des Allerhöchsten, Einheit bezeugen gemäss dem Dichterwort: "In jeglichem Ding ist für ihn ein Vers, beweisend, dass er einzig ist" (Abu-l Atahiya). So sagt man auch wohl Dieses vollendete Kunstwerk bezeugt das ausgezeichnete Können und das vollkommene Verständnis des betreffenden Künstlers, nicht in dem Sinne, als ob es wirklich die Worte spräche: "Ich bezeuge", sondern das Zeugnis liegt in seinem Wesen und seiner Beschaffenheit. Es gibt nämlich nichts, was nicht für sich einen Urheber brauchte, der es hervorbringt und seine Eigenschaften im Dasein erhält und seine verschiedenen Wandlungen es durchmachen lässt. So bezeugen die dinge durch ihre Bedürftigkeit die Bedürfnislosigkeit ihres Urhebers. Die Einsichtigen verstehen ihr Zeugnis, nicht aber jene, die am äusseren haften bleiben. Deshalb sagt Allah: "Aber ihr versteht nicht ihren Lobpreis" (Sure 17,469. Und zwar begreifen die beschränkten Köpfe gar nichts, aber auch die Mukarrabun (Nahgestellten) und die gewiegten Gottesgelehrten (Religionsgelehrten) verstehen es nicht nach seinem ganzen Wesen, denn in jedem Ding liegen mannigfache Zeugnisse für die Verherrlichung und den Lobpreis Allahs; jeder begreift sie nach dem Maß der empfangenen Gabe und Einsicht Die Aufzählung dieser Zeugnisse gehört aber nicht zur praktischen Wissenschaft (Fiqh, islamischer Rechtswissenschaft). Auch in dieser Abteilung besteht der Unterschied zwischen denen, die am äusseren haften bleiben und jenen, die tiefer eindringen. Auch tritt hierin die Verschiedenheit des Inneren vom äusseren zutage. Es gibt in dieser Frage verschiedene Abstufungen, eine extreme , und eine mittlere Richtung. Von den Extremen gehen manche in der Aufhebung des Wortsinns so weit , dass sie denselben ganz oder grösstensteils preisgeben, so beim Wort Allahs : "Wir Haben gesprochen zu ihren Händen und es bezeugen ihre Füsse" (Sure 36,659, und beim anderen :"Sie fragten ihre Häute: Warum habt ihr wider uns gezeugt? Diese antworteten: Allah, der jedem Ding seine Sprache verliehen, hat uns sprechen geheissen" (Sure 41,20); desgleichen die Fragen von Munir und Nakir, die Lehre von der Waage, der Brücke und der Rechnung, ferner das Zwiegespräch der verdammten mit den Seligen, wobei jene bitten : "Spendet uns Wasser oder was sonst Allah euch beschert hat!" All das betrachten sie als Sprache der Tatsachen. Andere hingegen fallen das entgegengesetzte Extrem und lassen eine Interpretation (Tawil) überhaupt nicht gelten gelten. So Ahmad ibn Hanbal, der nicht einmal die bildliche Auslegung der stelle "sei ! und es ist" zuliess. Sie meinen, es handle sich dabei um einen wirklichen Anruf mit Lauten und Buchstaben, die von Allah jeden Augenblick hervorgebracht würden, entsprechend der Zahl der Vorgänge des Werdens. (Die Eigenschaft " Sprechen" Allahs, des Erhaben, sind nicht wie die der Geschöpfe. Es ist ohnegleichen. So lehren auch die Schüler des Imam Ahmad bin Hanbals. Auch wenn die Hanbalis keine bildliche Auslegung machen hier heisst das nicht das sie anthropomorphisch (körperlich) es deuten sondern sie lassen es so stehen ohne es mit dem sprechen der Geschöpfen zu vergleichen). So habe ich einen seiner Anhänger sagen hören, dass er die figürliche Auslegung prinzipiell verwerfe, und nur bei den folgenden drei Aussprüchen des Propheten dulde: 1."Der schwarze Stein ist die rechte Allahs auf Seiner Erde." 2."Das herz des Gläubigen ist zwischen zwei Fingern des Barmherzigen." 3."Ich finde die Seele des Barmherzigen auf der rechten Seite." Es sind die "Vertreter des äusseren" (Zahiriten), die gibt es nicht mehr, früher hat es welche in Andalusien gegeben), die eine Interpretation überhaupt nicht gelten lassen. Der selige Ahmad ibn Hanbal aber, so muss man annehmen, hat wohl gewusst, dass das sitzen auf dem Thron kein wirkliches Ruhen und das Herabsteigen keine Ortsveränderung ist, aber er war prinzipiell gegen die bildliche Auslegung, und zwar aus Sorge für das Seelenheil der Menschen . Wenn er diesen Ausweg überhaupt zuliesse, so meinte er, würde der Riss immer weiter werden, die Sache würde das rechte Maß überschreiten und von der mittleren Linie abweichen; daher sei dieses Verbot nicht unangebracht. Er hat dabei die Praxis der Alten (Altvorderen = Gefährten und deren Gefährten) für sich, denn diese pflegten zu sagen : Lasst es stehen, wie es ist! So antwortete Malik (Imam Malik bin Enes) , über das Sitzen auf dem Thron (Sure 20,4 ff) befragt: "Das Sitzen ist bekannt, das Wie ist unbekannt, der Glaube daran ist Pflicht und das Fragen danach Neuerung." Wieder andere (die mehrheitlichen Sunniten) schlugen einen Mittelweg ein und erklärten sich für das Prinzip der figürlichen Auslegung in allem, was die Eigenschaften Allahs betrifft, in der Eschtalogie (jenseitige Vorgänge wie Paradieseintritt, Abrechnung...) hingegen blieben sie beim Wortsinn und verwarfen die metaphorische Deutung. Das sind die Aschariten über welche die Mu'taziliten insofern hinausgingen, als sie von den Eigenschaften Allahs Seine Sichtbarkeit und dass er selbst höre und sehe, figürlich erklärten.

{Die Aschariten ,Maturiden und Hanbaliten sind Sunniten und teilen diesselben Glaubenslehren.; Die Mutaziliten und die Anthropomorphisten sowie die Philosophen sind Nicht-sunniten)[Diese Themen werden im einem anderen Buch von Imam Ghazali eingehender dargestellt. Siehe "al Itikad fi al iktisad". Das Buch ist arabisch. Es gibt auch eine türkische übersetzung im Jahre 1971; und in englisch :Al-Ghazali on DivinePredicates and their Properties (Al-Iqtisad fil-itikad), Abdurrahman Abu Zaid,Lahore (Pakistan) }

Desgleichen fassten sie auch die Himmelfahrt (des Propheten Muhammed Friede sei mit ihm) bildlich und meinten, dass es keine körperliche gewesen sei. so machten sie es auch mit der Pein des Grabes, der Waage, der Brücke und anderem, was die Eschatalogie anlangt. Wohl aber hielten sie fest an der Auferstehung der Leiber und dass es im Paradies Speisen gäbe und Wohlgerüche und Geschlechtsgenuss und die übrigen sinnlichen Ergötzungen und dass die Hölle einen fühlbaren brennenden Körper enthalte, der die Haut verbrennt und das fett schmelzen macht. - Noch weiter als sie gingen die Philosophen. Sie fassten alle Eschtalogie betreffenden Offenbarungen bildlich und führten sie zurück auf rein geistige Schmerzen und Freuden. Sie leugneten auch die Auferstehung des Leibes, nur die Seele bleibe bestehen und empfinde entweder Wonne oder Pein, aber beide seien unsinnlich. Das sind also die extremen Richtungen.

 

{Die Mutaziliten nehmen nicht die von den Gefährten überlieferten Glaubensinhalte als Ganzes sondern meinen über Dinge die ausserhalb unserer Wahrnehmung und verstand liegende Dinge wie jenseitige Dinge Urteile bilden zu können. Wir Sunniten sagen dass Allah allmächtig ist und auch Dinge erschaffen hat, die auch nicht der Naturgesetze die wir kennen entsprechen muss. Allahs Allmacht ist nicht eingezwängt in Naturgesetze.ferner besagen die Schriftquellen Koran al karim, Hadithe und der Konsens der ersten Muslim-Generationen dass die eschtalogischen Dinge wie Paradies und Waage etc. wörtlich zu nehmen sind. }

 

Die Linie aber , welche die richtige Mitte hält zwischen dieser gänzlichen Auflösung des Dogmas auf der einen und er groben Auffassung der Hanbaliten auf der anderen Seite, ist so fein und verschwommen, dass nur die begnadeten erkennen, welche Dinge im Lichte Allahs und nicht bloss durch Hören erfassen. Wenn ihnen dann die Geheimnisse der Dinge in ihrem wahren Wesen enthüllt werden, so schauen sie auf den Wortlaut er Offenbarung. Was davon mit dem übereinstimmt, was sie im Lichte der Gewissheit geschaut, das halten sie fest, und was damit im Widerspruch steht, das deuten sie um. Wer aber die Erkenntnis dieser Dinge aus der Offenbarung allein entnehmen will, der hat keinen festen Boden, worauf er fussen könnte. für einen solchen, der auf die äussere Offenbarung allein sich beschränkt, ist der der Standpunkt des seligen Imam Ahmed ibn Hanbal der angemessenste - Die richtige Mittellinie in dieser Frage aufzudecken, gehört in die Wissenschaft der Erleuchtung (Sufitum) Da die Erörterungen darüber zu weit führen würde, so gehen wir nicht darauf ein. Unser Zweck war vielmehr, zu zeigen, inwieweit der äussere und innere Sinn übereinstimmen und auseinandergehen. das ist in diesen fünf Abteilungen zur Genüge geschehen. auch meinen wir, dass man sich bei den Durchshnittsmenschen auf den Text des von uns abgefassten Glaubensbekenntnisses beschränken und ihnen auf der ersten Stufe nicht mehr zumuten solle. Ist jedoch wegen der Verbreitung er Irrlehre eine Beunruhigung zu befürchten, so geht man weiter und gibt auf der zweiten Stufe eine Glaubensregel mit kurzen klaren beweisen, ohne tiefer einzudringen. Diese Beweise wollen wir im vorliegendenden Buch darbieten, und zwar beschränken wir uns dabei auf die für die Leute von Jerusalem abgefasste Schrift, die wir betitelt haben "Jerusalemisches Sendschreiben über die Grunddlagen des Glaubens". Sie bildet den dritten Abschnitt dieses Buches.

 

 

 

D r i t t e r   A b s c h n i t t

 

Klare Beweise für den Glauben, die wir darlegt haben in Jerusalem.

 

 Wir sprechen also : In Namen des Barmherzigen und des Allerbarmers. Gelobet sei Allah, der ausgezeichnet hat die Gemeinde der Sunna (ahl-i sunnah ,Sunniten) durch das Licht der Gewissheit und bevorzugt die Schar der Rechtgläubigen, indem er sie führte zu den Pfeilern der Religion und behütete vor dem Irrweg der Irrenden und der Verkehrtheit der Ketzer, der ihnen die Gnade verliehen, dem Herrn der Apostel (Propheten) nachzufolgen, und sie hingedrängt auf das Vorbild seiner erlauchten Genossen (Gefährten) und es ihnen leicht gemacht, in den Spuren der biederen Alten (selef-i salihin; Altvorderen; die ersten Generationen der Muslime) zu wandeln, so dass sie gegenüber den Forderungen der Vernunft Halt suchen am festen Strick (d.h. der Offenbarung) und gegenüber dem Wandel und dem Glauben der Früheren am klaren Weg. So vereinigten sie die Ergebnisse des Denkens mit den Sätzen der überlieferten Offenbarung. Sie wussten wohl, dass das blosse Aussprechen des von ihnen festgehaltenen Glaubensbekenntnisses :"Es ist kein Gott ausser Allah, Muhammed ist der gesandte Allahs" weder Wert noch Bedeutung hat, wenn nicht zugleich die Erkenntnis der Hauptwerke vorhanden ist, um welche dieses Bekenntnis sich dreht. Und sie wussten, dass die beiden Sätze des Bekenntnisses in aller Kürze die Lehre von Allahs Wesen, Eigenschaften und Werken und der Wahrhaftigkeit des Propheten entfaltet, ferner, dass das Gebäude des Glaubens auf diesen vier Pfeilern ruht, von denen jeder zehn Stützpunkte besitzt.

 

  I. Vom Wesen Allahs in zehn Artikeln, und zwar vom Dasein Allahs, Seiner Ewigkeit und Fortdauer, dass er keine Substanz, kein Körper und kein Akzidenz ist, dass er nicht durch Dimensionen bestimmt und an keinen Ort gebunden ist, dass er sichtbar ist und einzig.

 

  II.  Von den Eigenschaften Allahs in zehn Artikeln. Nämlich dass Allah lebendig ist, wissend, mächtig, wollend, hörend, sehend, redend, dass Er keinen zeitlichen Bestimmungen (Abhängigkeiten) unterworfen ist und dass Sein Wort und Sein Wille ewig ist.

 

III. Das Wirken Allahs in zehn Artikeln : Allah ist der Urheber der menschlichen Handlungen, diese sind vom Menschen angeeignet, aber von Allah gewollt. Die Schöpfung ist ein reiner Erweis seiner Güte. Er kann den Menschen Unmögliches auferlegen und den Unschuldigen bestrafen. Er braucht nicht das beste anzustreben. Es gibt keine Verpflichtung ausser durch die Offenbarung. Die Sendung von Propheten ist möglich; das Prophetentum Muhammeds ist durch Wunder beglaubigt.

 

IV. Die positiven Offenbarungen in zehn Artikeln . Die Auferstehung, die Frage des Munkir und Makir (zwei Engeln die die Neutoten befragen), die Waage, die Brücke (Sirat-Brücke), die Schöpfung von Himmel (Paradies) und Hölle. Die Bestimmungen über das Imamat (Khalifat). der Vorrang der Genossen (Gefährten des Propheten) entspricht ihrer zeitlichen  Aufeinanderfolge (bei vier ersten Kalifen). Erfordernisse für das Imamat.

 

I. Hauptstück

Allahs Wesen und Einheit

 

1. Das Erkenntnis von Allahs Dasein.

Das hellste Licht und den sichersten Weg für unsere Betrachtung finden wir im Koran. Denn was Allah selbst erklärt, ist nicht besser zu erklären. Allah spricht: "Machten wir nicht die Erde zum Lager und die berge zu Zeltpflöcken ? Und schufen wir euch nicht in Paaren, Mann und Frau ? Und machten wir  euch nicht den Schlaf zur Erquickung und die Nacht zum Kleid und den Tag zum Lebenserwerb, und bauten über euch sieben Festen und machten eine strahlende Lampe ? Und sandten aus den Wolken regen in Strömen, um spriessen zu lassen Getreide und Kraut und üppige Gärten ? " (Sure 78, 6-16) ferner : "In der Schöpfung von Himmel und Erde und der Scheidung von Tag und Nacht und den Schiffen, die das Meer befahren, den Menschen zu Netz und Frommen, und im Wasser, das Allah herabgeschickt vom Himmel, zu beleben damit die Erde, nachdem sie erstorben, und wachsen  zulassen darinnen jegliches Tier, und in der Lenkung  der Winde  und der Wolken, die eingespannt sind zwischen Himmel und Erde, darin sind Zeichen  für Leute, die verstehen" (Sure 2,159). Ferner : "Seht ihr nicht, wie Allah geschaffen die sieben Himmel übereinander, und den Mond darin gemacht zum Licht und die Sonne  zur Lampe ? Und Allah liess euch spriessen aus der erde wie Gras, dann wird er dahin zurück euch bringen und widerum hervorgehen lassen" (Sure 71, 14-17). "Und den Samen, den ihr ergiesst, meint ihr, dass ihr ihn geschaffen, oder sind wir die Schöpfer ?" (Sure 56, 58 und 59).

 Wer auch ein Fünkchen Verstand hat und ein wenig über diese Verse nachdenkt und die Wunder der Schöpfung Allahs auf Erden und am Himmel betrachtet und die erstaunliche Bildung der Tiere und Pflanzen, dem ist es klar, dass diese wunderbare gesetzmässige Ordnung einen Urheber und Werkmeister verlangt, der alles ordnet und regiert. Fühlt sich doch die Seele selbst naturgemäss von Seinem Willem bezwungen und von Seiner Leitung gelenkt. Deshalb sagt Allah : "Gibt's einen Zweifel an Allah, der Himmel und Erde geschaffen ?" (Sure 14,11). Zu diesem Zweck sandte er die Propheten insgesamt, die Menschen aufzurufen zum Bekenntnis an einem Allah, dass sie sprechen : " Es gibt keinen Gott ausser Allah." ("Laa ilaahe illallaah").  Sie wurden nicht geheissen, zu sprechen :" wir haben einen Allah und die Welt einen Allah". Denn das ist eine natürliche Mitgift der Vernunft, mit der sie geboren und aufgewachsen sind. Deshalb sagt Allah :" Und wenn du sie fragst : wer hat Himmel und Erde geschaffen, so antworten sie: Allah". (Sure 30,29) Ferner : " Wende dein Angesicht zur Religion, ein treuer Verehrer, der Anlage folgend, mit der Allah die Menschen geschaffen, nicht verkehrend Allahs Schöpfung, das ist die rechte Religion." (Sure 30,29) So entheben uns denn die unverdorbene Menschennatur und die Zeugnisse des Korans eines regelrechten Beweises, aber zur Bekräftigung und um das Beispiel der spekulativen Theologen zu befolgen, sprechen wir, ausgehend von evidenten Vernunftwahrheiten :

 Was zeitlich entstanden ist, verlangt notwendig für sein Entstehen eine Ursache, die es ins Dasein setzt. Nun ist aber die Welt zeitlich entstanden, folglich verlangt sie für ihr Entstehen eine Ursache. - Der Obersatz ist einleuchtend; denn jedes Entstandene ist an einen Zeitpunkt gebunden, den wir uns früher oder später denken können. Wenn es also in diesem ganz bestimmten Zeitpunkt, nicht früher oder später, ins Dasein tritt, so erfordert das notwendig eine bestimmte Ursache. - Der Untersatz aber, dass die Welt zeitlich entstanden ist , wird folgendermaßen bewiesen: Die Körper in der Welt müssen notwendig entweder in Ruhe oder in Bewegung sein. Diese beiden entstehen jedoch in der zeit. Was aber ohne ein zeitlich Entstandenes nicht sein kann, ist selbst zeitlich entstanden. - Dieser Beweis enthält drei Vorraussetzzungen :

 a) Ein Körper muss notwendig entweder in Ruhe oder in Bewegung sein. - Das ist ohne weiteres mit zwingender Notwendigkeit einleuchtend und bedarf nicht des Nachdenkens und der überlegung; denn wer sich einen Körper denkt, der weder in Ruhe noch in Bewegung wäre, ist des Verstandes bar (wörtlich : Der reitet auf dem Rücken der Torheit und irrt ab vom Pfade der Vernunft).

 b) Dass Bewegung und Ruhe zeitlich entstanden sind, wird bewiesen durch ihre Aufeinanderfolge, indem die eine nach der andern existiert. Diese Wahrnehmung ist bei allen Körpern zu machen und was den Fall betrifft, wo wir es nicht wahrnehmen, so gibt es keinen ruhenden Körper, ohne dass der Verstand urteilt, dass er sich in Bewegung setzen, und umgekehrt keinen in Bewegung befindlichen Körper, ohne dass der Verstand urteilt, dass er in Ruhe sein könne. Folglich ist der eintretende Zustand zeitlich entstanden, eben, weil er eintritt, der früher vorhandene ist zeitlich entstanden, weil er nun nicht mehr ist. Denn wenn letzterer von Ewigkeit her bestünde, so könnte er unmöglich verschwinden, wie wir später darlegen und beweisen werden, wo wir die Endlosigkeit Allahs behandeln.

 c) Ein Ding, das nicht ohne zeitlich gewordene Bestimmungen sein kann, ist selbst zeitlich entstanden ; denn sonst ginge jedem zeitlich Entstehenden ein anderes zeitlich Entstehendes voraus, ohne dass wir zu einem ersten kommen. Wären aber diese in ihrer Totalität unendlich, so wäre auch das in Rede stehende zeitlich Entstandene nicht an die Reihe gekommen, ins Dasein zu treten. Eine unendliche Reihe kann eben unmöglich abgeschlossen sein. Gesetzt nämlich, die Umdrehungen der Himmelsspähre wären unendlich an Zahl, so müsste diese Zahl entweder gerade oder ungerade sein oder beides gleichzeitig oder schliesslich keines von beidem. Die beiden letzten Möglichkeiten fallen dort, denn es handelt sich um kontradiktische Gegensätze, wobei in der Negation des einen die Affirmation des anderen gegeben ist und umgekehrt. Ferner kann die Zahl nicht ungerade sein, denn die ungerade wird durch Vermehrung um eins zu einer geraden; wie kann aber, was unendlich ist, einer Vermehrung bedürfen ? Sie kann aber auch nicht gerade sein, sonst könnte man sie um eins vermehren und sie würde eine ungerade; wie kann sie aber vermehrt werden, wenn sie voraussetzungsgemäss unendlich ist ? So ergibt sich denn daraus, dass die Welt nicht ohne zeitlich entstandene Bestimmungen sein kann, folglich ist sie selbst zeitlich entstanden. Steht aber dieses fest, so bedarf sie notwendig eines Urhebers.

 

 

2.Allah ist ewig, immer gewesen, Seinem Dasein geht kein anderes Ding voraus, sondern er ist früher als jegliches Ding, sei es lebend oder tot.

   Beweis: Wäre Allah in der Zeit entstanden und nicht ewig, so hätte Er einen Urheber nötig, der Ihm das Dasein gibt, dieser Urheber wiederum einen anderen Urheber und so in infinitum; eine unendliche reihe aber ist nicht zu verwirklichen. Also kommen wir zu einem ewigen und ersten Urheber, was zu beweisen war. Ihn nennen wir Schöpfer, Urheber, Hervorbringer der Welt.

 

3. Allah ist nicht nur ohne Anfang, sondern Sein Dasein hat auch kein Ende, Er ist "der Erste und Letzte, der Offenbare und Verborgene" (Sure 57,3)

  - Derjenige dessen Ewigkeit erwiesen ist, kann unmöglich nicht sein. Denn das Aufhören seines Daseins müsste entweder von Ihm selbst ausgehen oder von einem Widersacher, der Ihn vernichtet. Wenn aber  ein Ding, dem begrifflich die Existenz zukommt, von selbst aufhören könnte, so könnte auch ein Ding von selbst ins Dasein treten. Wie also das Eintretender Existenz eine Ursache erfordert, so auch das Eintreten der Nichtexistenz. - Die zweite Annahme, dass Allah durch eine entgegengesetzte Ursache vernichtet werde, ist gleichfalls ausgeschlossen. Denn wenn diese letztere ewig wäre, so wäre es unbegreiflich, dass sie mit ihm zusammen existiere. Nun ist aber aus den beiden vorhergehenden Artikeln klar, dass Allah von Ewigkeit existiert. Wie kann er aber von Ewigkeit existieren und mit Ihm zugleich Sein Widersacher ? - Wäre aber dieser Widersacher, der Allah vernichten könnte, zeitlich entstanden, so liegt darin ein Widersinn. Denn das zeitlich Gewordene ist nicht etwa eher im Stande, das Ewige zu beseitigen, als das Ewige im Stande ist, der Existenz des zeitlich Entstandenen vorzubeugen. Vielmehr ist das Vorbeugen leichter als das beseitigen, und das Ewige ist an Kraft dem Entstandenen überlegen.

 

4.Allah ist keine räumliche Substanz, sondern hoch erhaben über jede Beziehung zum Raum.

  Beweis: jede räumliche Substanz ist an ihren Ort gebunden, in welchem sie ruht oder von welchem sie sich wegbewegt. Sie ist also entweder in Ruhe oder in Bewegung. Diese beiden sind aber zeitlich entstanden, und was an zeitliche Bestimmungen geknüpft ist, ist selbst zeitlich entstanden. Und wenn eine räumliche Substanz als ewig gedacht werden könnte, so wäre auch die Ewigkeit der die Welt ausmachenden einzelnen Substanzen denkbar. - Wenn aber jemand Allah Substanz nennt und darunter nichts Räumliches versteht, so begeht er einen Fehler in der Ausdrucksweise, nicht in Bezug auf den Sinn.

 

5.Allah ist kein aus Substanzen zusammengesetzter Körper.

  Denn der Körper besteht aus Einzelsubstanzen, und da Allah, wie eben bewiesen, unmöglich eine räumliche bestimmte Substanz sein kann, so kann er auch kein Körper sein, denn der Körper ist an den Raum gebunden und aus Einzelsubstanzen zusammengesetzt. Ferner ist er undenkbar ohne Trennung und Zusammensetzung, Ruhe und Bewegung, Gestalt und Ausdehnung. Das sind aber Hinweise auf das zeitliche Entstehen. - Ferner: könnte man annehmen, dass der Urheber der Welt ein Körper sei, so dürfte man auch an die Göttlichkeit der Sonne , des Mondes oder irgend eines anderen Körpers glauben. - Wenn aber jemand sich erkühnen würde, Allah einen Körper zu nennen, ohne damit die Zusammensetzung aus Einzelsubstanzen zu meinen, so wäre das eine falsche Bezeichnung, wenn er auch darin Recht hätte, dass er Ihm den Begriff des Körperlichen abspricht.

 

6. Allah ist kein Accidens (Akzidenz),

  das einem Körper anhaftet, oder ein sonstiges in einem Substrat; denn das Accidens wohnt dem Körper inne und jeder Körper ist zeitlich entstanden und sein Urheber existiert vor Ihm. Wie kann aber Allah einem Körper innewohnen, wenn er allein von Ewigkeit her besteht ohne Genossen und selbst die Körper und Accidentien hervorgebracht hat. - Ferner ist Allah wissend, mächtig, wollend, (er)schaffend, wie im folgenden dargetan werden soll. Diese Eigenschaften können aber unmöglich den Accidentien beigelegt werden, sondern nur einem Wesen, das in sich selbst besteht und eines anderen nicht bedarf. Aus den bisherigen Artikeln ergibt sich bereits , dass Allah ein in sich selbst bestehendes Wesen ist, keine Einzelsubstanz , kein Körper und kein Accidens. Da aber die ganze Welt aus Substanzen und Accidentien und Körpern besteht , so ist Er keinem Körper ähnlich und kein Ding Ihm , sondern Er ist der Lebendige, der Subsistierende, der nicht seines Gleichen hat. Wie könnte auch das Geschöpf Seinem Schöpfer, gleichen ? Nun sind aber alle Körper und Accidentien Sein Werk, folglich ist eine Gleichheitlichkeit und ähnlichkeit zwischen ihnen undenkbar.

 

7. Allah ist in seinem Wesen frei von der Bestimmung durch die Richtungen (Dimensionen).

  Diese Richtungen sind folgende: oben, unten, rechts, links, vorn, hinten. Sie sind von Ihm hervorgebracht, indem er den Menschen geschaffen. Er hat ihm nämlich zwei Endpunkte gegeben, mit dem einen stützt er sich auf die Erde, er heisst Fuss, der andere ihm entgegengesetzte heisst Kopf. danach bekam das, was dem Kopf zunächst liegt, den Namen "oben" und was in der Richtung der Füsse liegt, den Namen "unten", so dass für eine Ameise, die an der Decke kriecht, die Richtungen "oben" und "unten" sich umkehren, indem für sie unten ist, was für uns oben. Ferner hat Er den Menschen mit zwei Händen geschaffen, von denen in der Regel die eine stärker ist als die andere. Die stärkere wurde als die rechte, die andere die linke benannt. Danach heisst auch die Richtung , die der rechten Hand zunächst liegt, rechts und die andere links. Ferner schuf Er ihm zwei Seiten, mit der einen sieht er und bewegt sich ihr entsprechend, sie erhielt die Bezeichnung "vorn" und die entgegengesetzte die Bezeichnung "hinten". So sind also die Richtungen mit dem Menschen entstanden, und wäre der Mensch nicht in dieser Gestalt, sondern etwa kugelförmig geschaffen worden, so bestünden die genannten Richtungen überhaupt nicht.

 Wie konnte also Allah von Ewigkeit her durch eine Richtung bestimmt sein, wenn dies erst zeitlich entstanden ist ? Oder wie sollten diese Richtungen erst später bei ihm eingetreten sein ? Etwa dadurch, dass er die Welt über sich geschaffen ? Aber Er ist ja erhaben darüber, dass es bei Ihm ein Oben gebe, weil Er erhaben darüber ist, einen Kopf zu haben; denn das Wort "oben" drückt das aus, was in der Richtung des Kopfes liegt. Oder dadurch, dass Er die Welt unter sich geschaffen ? Aber er ist erhaben darüber, dass es bei Ihm ein Unten gebe, da er erhaben darüber ist, einen Fuss zu besitzen, denn das Wort "unten" drückt das aus, was in der Richtung des Fusses liegt. All das schliesst einen Widerspruch in sich, denn durch Richtungen bestimmt sein , heisst durch einen Raum bestimmt sein., wie es bei den Substanzen  der Fall ist, oder durch die Substanzen bestimmt sein, wie es bei den Accidentien der Fall ist. Da aber Allah weder Substanz noch Accidens ist, so kann  er auch nicht durch Richtungen bestimmt sein. Wenn man aber unter Richtungen etwas anderes versteht, so ist das eine fehlerhafte Ausdrucksweise, wenn auch der Sinn richtig sein mag.

 Ferner: wenn Allah über der Welt wäre, so wäre er ihr gegenüber. Alles aber, was einem Körper gegenüber liegt, ist diesem entweder gleich oder grösser oder kleiner als Er. All das sind Bestimmungen, die notwendig ein Bestimmendes erfordern, worüber Er, der alleinige Schöpfer und Leiter, erhaben ist. Wenn wir beim Gebete unsere Hände zum Himmel erheben, so geschieht es, weil das die Richtung des Privatgebetes ist. (Die Kaba dagegen ist die Richtung für das offizielle Gebet). Auch liegt darin ein Hinweis auf die Majestät und Erhabenheit des Angerufenen, indem durch die Richtung nach oben die Eigenschaft der Hoheit angedeutet wird, denn er herrscht und waltet über allem, was da existiert.

 

8. Allah sitzt auf Seinem Thron in dem Sinn, in welchem Er selbst es meint, der nämlich vereinbar ist mit Seiner Hoheit und kein werden und vergehen Ihm beiliegt.

  Ein solches Sitzen ist gemeint, wenn Er im Koran sagt :"Dann setzte Er sich auf den Himmel, und der war Rauch" (Sure 41,10), nämlich im Sinne des Beherrschens so wie der Dichter sagt :"Bischr sitzt über dem Irak ohne Schwert und Blutvergiessen." - Die Rechtgläubigen sind genötigt, diese Stelle in derselben Weise bildlich zu erklären, wie die Irrlehrer es bei dem Wort Allahs tun müssen: "Und er ist mit euch, wo immer ihr seid" (Sure 57,4) Das wird allgemein von der umfassenden Kenntnis Allahs verstanden wie der Ausspruch des Propheten :" Das Herz des Gläubigen ist zwischen zwei Fingern des Barmherzigen" von Seiner Kraft und Macht, und der andere Ausspruch:" Der schwarze Stein ist die rechte Allahs auf Seiner Erde" von der Ihm gebührenden Verehrung; denn die wörtliche Erklärung würde hier zu einem Widersinn führen. o verhält es sich auch mit dem Sitzen. Denn nähme man es im wörtlichen Sinne, so würde daraus entweder Ihm gleich oder grösser oder kleiner als Er. Das ist aber absurd und was zu einer Absurdität führt, ist selbst absurd.

 

9. Obwohl Allah weder Gestalt noch Ausdehnung besitzt und nicht durch die Richtungen bestimmt wird, so ist Er doch im Jenseits mit leiblichen Augen zu sehen, denn Er sagt selbst : Ihre Gesichter werden alsdann strahlen, schauend auf ihren Herrn" (Sure 80,22).

(Dieses Sehen ist unvergleichbar mit dem Sehen was wir so kennen).

Im Diesseits ist Er aber nicht zu sehen gemäss Seinen eigenen Worten "Nicht nehmen ihn wahr die Blicke, Er aber nimmt wahr die Blicke" (Sure 6, 103) und Seiner Anrede an Moses (Musa) : "Du wirst mich nicht sehen"  (Sure 7,139). Ich möchte wissen, wie die Mu'taziliten zur Kenntnis von Eigenschaften Allahs gekommen sind, von denen Moses nichts gewusst hat. Denn wie konnte dieser Allah bitten, sich Ihm zu zeigen, wenn das unmöglich wäre ? Die Unkenntnis wird wohl eher auf Seiten der törichten und einfältigen Neuerer liegen als auf Seiten der Propheten.

 Was die zitierten Koranstellen anlangt, so führt die wörtliche Auffassung derselben zu keinem Widersinn. Denn das Sehen ist eine Art Erleuchtung und Wissen, nur vollkommener und deutlicher als das Wissen. Und wenn Allah Objekt des Schauens sein ohne solche Beziehungen. Wie Allah die Menschen sehen kann, ohne sie vor sich zu haben, so ist es auch möglich, dass der Mensch Allah sieht, ohne Ihn vor sich zu haben. Wie Er ohne körperliche Qualität und Gestalt erkannt wird, so kann Er auch ohne solche gesehen werden.

 

10. Allah ist einer, ohne Genossen, einzig, ohnegleichen. Er war ganz allein beim Schaffen und Hervorbringen. Es gibt keinen ähnlichen, der Ihm gleiche und keinen Gegner, der Ihm widerstrebte.

Beweis dafür ist das Wort Allahs "Gäbe es darin mehrere Götter ausser Allah, sie mussten zugrunde gehen" (Sure 21, 22). Denn nehmen wir an, es wären zwei und es wollte der eine etwas unternehmen; wenn dann der zweite genötigt wäre, dem ersten beizustehen, so wäre Er ein kraftloser Untertan, aber kein mächtiger Gott; hätte er aber so viel Kraft, dem ersten entgegenzutreten und Widerstand zu leisten, so wäre er der kraftvolle Herrscher, der erste aber schwach und beschränkt und kein mächtiger Gott.

 

 

 

II. Hauptstück

 

Von den göttlichen Eigenschaften

 

1. Der Urheber der Welt ist mächtig und wahr ist Sein Wort, wenn Er sagt: Allah ist jedes Dinges mächtig." Denn die Welt ist  ein wohlgeordnetes Kunstwerk. Wenn jemand ein Kleid aus Damast sähe, schön gewoben und gefügt und in entsprechender Weise besetzt, und dann meinte, es stamme von einem Leblosen, der nichts vermag, oder einem Menschen ohne Kraft, der hat den verstand verloren und ist ein Narr.

 

2. Er weiss um alles Existierende und umfasst alles Geschaffene, "nicht entgeht Seinem Wissen das Gewicht eines Körnleins weder auf Erden noch im Himmel" (Sure 10, 62; 34,3). Wahr ist sein Wort: "Und Er weiss jegliches Ding" (Sure 2, 27) und das andere : "Hat der kein Wissen, welcher geschaffen hat, und Er ist der feine, der Kundige" (Sure 67,14). So leitet Er dich an, aus der Schöpfung auf Sein Wissen zu schliessen; denn du kannst nicht zweifeln, dass die feine Ausführung der Schöpfung die Weisheit des Schöpfers hindeutet und Seinen Ordnersinn. Was aber Allah selbst mitteilt, ist das höchste an Leitung und Lehre

3. Allah ist lebendig. Diese Eigenschaft ergibt sich mit Notwendigkeit  aus dem Wissen und er Macht. Denn könnte man sich einen Mächtigen, Wissenden, Handelnden und Leitenden vorstellen, ohne dass er Lebendig wäre, so könnte man auch am Leben der Tiere  zweifeln , die bald sich bewegen , bald in Ruhe sind, ja sogar am Leben der Handwerker und Künstler. Das alles führt zu einem Abgrund von Ungereimtheiten.

4. Allah will die Werke; alles , was existiert , hängt ab von seinem Willen und geht aus Ihm hervor. Er ist der Schöpfer und Wiedererwecker, machend was Er will. Hätte er doch überall das Gegenteil dessen tun können, was Er wirklich getan hat. Wo aber kein Gegenteil möglich ist, da hätte er dasselbe Werk früher oder später vollbringen können; denn die Macht erstreckt sich in gleicher Weise auf die beiden Gegensätze und Zeiten. Es ist also ein Wille erforderlich, der sie zu einer der beiden Möglichkeiten bestimmt. Wenn aber das Wissen den Willen entbehrlich machen würde in der Bestimmung  des Gewussten, so dass man sagen könnte, es existiert in der Zeit , die Er vorrausgewusst hat, so könnte das Wissen am Ende auch die Macht  ersetzen, und man könnte sagen : das Ding existiert ohne Macht, da ihm das Wissen um seine Existenz vorausgegangen ist.

 

  5. Allah ist hörend und sehend. Nicht entgehen Seinem Blick die Regungen des Inneren und die verborgensten Gedanken und Vorstellungen, und seinem Ohr entgeht nicht der schwarzen Ameise Tritt in dunkler Nacht auf hartem Fels. Sind doch Gesicht und Gehör ohne Zweifel reine Vollkommenheiten, wie sollte also das Geschöpf vollkommener sein als der Schöpfer, das Gebilde über dem Bildner stehen ? Und wie wäre die Teilung eine gerechte, wenn das Unvollkommene ihm und das Vollkommene dem Menschen zugefallen wäre? - Wie könnte sonst auch der Beweis zu recht bestehen, den Abraham gegenüber seinem Vater vorbrachte, als dieser in Unwissenheit den Götzen diente. (Azer war Abrahams Stiefvater, der Götzendiener war. Abrahams leiblicher Vater war ein Gläubiger). Da sprach nämlich Abraham zu ihm: "warum dienst du dem, der weder hört noch sieht und dir mit nichten helfen kann?" (Sure 19,43). Wenn das umgekehrt auf seinen Gott anwendbar gewesen wäre, so wäre sein Beweis völlig hinfällig und Allahs Wort: "Und diesen Beweis brachten wir dem Abraham gegen sein Volk" (Sure 6,83) wäre nicht wahr. Wie wir uns aber Allah handelnd denken ohne Gliedmaßen und wissend ohne Herz und Gehirn, so müssen wir Ihn uns auch sehend denken ohne Augapfel und hörend ohne Ohr. Denn das Verhältnis ist das gleiche.

6. Allah redet mit wirklicher Rede und diese ist eine in seinem Wesen bestehende Eigenschaft. Sie besteht aber nicht aus Lauten und Buchstaben, sondern Seine Rede gleicht keiner anderen Rede, wie Seinem Sein Sein kein anderes Sein. Die Rede ist in Wirklichkeit etwas Psychisches und die Zerteilung in Laute und Buchstaben erfolgt nur zum Zwecke der Mitteilung, wozu sonst auch Bewegungen und Gesten dienen.
Wie konnte das Gewissen einfältigen Leuten entgehen, da es doch nicht den törichten Dichtern entgangen ist. So sagt einer von ihnen: "Die Rede hat im Herzen ihren Sitz, die Sprache ist nur auf das Herz ein Hinweis. Wem seine Vernunft es nicht verwehrt und wen sein Verstand nicht hindert, zu sagen: "Meine Zunge ist entstanden, aber was in ihr durch meine entstandene Kraft entsteht , ist ewig", bei dem lass die Hoffnung, dass er vernünftig werde, fahren und behüte deine Zunge, mit ihm zu reden. Und wer nicht versteht, dass mit dem Ausdruck "ewig" dasjenige gemeint ist, vor dem nichts ist, dass aber in bismillah (im Namen Allahs) das b vor dem s ausgesprochen wird, folglich das s, weil es auf das b folgt, nicht ewig ist, um den kümmere dich nicht weiter. Es ist ein Geheimnis Allahs, dass Er manche Menschen vom Verständnis fernhält, und wen Allah irreleitet, der hat keinen Anführer. - Wer es aber seltsam findet, dass Musa (Moses), der Gebeneidete, in diesem Leben Allah hat reden hören ohne Laut und Buchstaben, der darf auch nicht zugeben, dass er in der anderen Welt ein Wesen sehe ohne Körper und Farbe. Wenn er es aber begreiflich findet, dass etwas ohne Körper, Farbe, Ausdehnung und Grösse sichtbar sei, während er bis jetzt nichts Derartiges gesehn hat, der übertrage das einfach auf den Gehörsinn. Und wenn er begreift, dass Allah mit einem Wissen alle Dinge umfasst, so möge er sich die rede als eine Eigenschaft denken, die, in sich eins, auf all das sich erstreckt, worauf die einzelnen Ausdrücke hinweisen. Und wenn er versteht, wie die sieben Himmel und Paradies und Hölle auf einem kleinen Blatte Platz finden und in der Grösse eines Atomes im Herzen aufbewahrt werden, und wie all das im Auge sich abspiegelt so gross wie eine Linse, ohne dass Himmel und Erde, Paradies und Hölle selbst im Auge , Im Herzen und auf dem Blatte sich befänden, dann soll er auch begreifen, dass Allahs Wort mit der Zunge gesprochen, im Herzen bewahrt und auf Blättern geschrieben wird, ohne selbst in diese Dinge aufgenommen zu werden. Wenn in einem Koranexemplar Allahs Wort selbst auf den Blättern stünde, so wäre auch Allahs Wesenheit in Seinem geschriebenen Namen enthalten. Desgleichen wäre das höllische Feuer selbst dort, wo sein Name auf dem Blatte steht, ohne dass diese verbrennt.

7. Das in Allahs Wesenheit subsistierende Wort ist ewig wie alle Seine Eigenschaften, da Allah unmöglich ein Substrat für zeitlich Entstehendes und der Veränderung unterworfen sein kann. Vielmehr müssen den Eigenschaften dieselben Bestimmungen der Ewigkeit zukommen wie Seinem Wesen. Ihn trifft kein Wechsel und keine Veränderung , die glorreichen Eigenschaften, durch die Er von Ewigkeit ausgezeichnet ist, wird Er auch in alle Ewigkeit beibehalten, frei von jeder Zustandsänderung. Denn was zeitlich Bestimmungen an sich trägt, ist selber zeitlich entstanden. Das Prädikat des Entstandenseins wird von den Körpern nur insofern ausgesagt, als sie der Veränderung und dem Wechsel in ihren Eigenschaften unterworfen sind. Wie kann aber ihr Schöpfer an dieser Veränderlichkeit teilhaben ? Daraus ergibt sich, dass Sein Wort ewig ist, subsistierend in Seiner Wesenheit. Zeitlich entstanden sind nur die laute, die es zum Ausdruck bringen. So können wir uns einen Vater denken, bei dem, bevor noch sein Sohn geboren ist, der Wunsch und Wille besteht, dass dieser studieren solle. Aber erst, wenn dann der Sohn wirklich geboren und zum Gebrauch der Vernunft gekommen ist und Allah in ihm die Erkenntnis schafft, dass im herzen seines Vaters ein solcher Wunsch bestehe, erst dann wird für den Sohn dieser Wunsch Pflicht, der beim Vater so lange fortbestanden hatte, bis sein Sohn davon Kenntnis erhielt. Auf ähnliche Weise müssen wir die Forderung Allahs verstehen, die in den Worten zu Moses (Prophet Musa Friede sei mit ihm) ausgedrückt liegt: "Zieh' deine Schuhe aus" (Sure 20,12). Diese Forderung bestand von Ewigkeit bei Allah, die Anrede an Moses aber bestand darin, dass in ihm die Kenntnis dieser Forderung geschaffen wurde und er dieses ewige Wort hörte.


8. Allahs Wissen ist ewig. Von Ewigkeit her erkannte Er Sein Wesen, Seine Eigenschaften und die von Ihm erschaffenen Dinge. Das Wissen entsteht bei Ihm nicht mit dem Entstehen der Dinge, sondern diese sind Ihm gegenwärtig mit ewigem Wissen. Wenn z.B uns die Erkenntnis geschaffen würde, Zaid (Caius) bei Sonnenaufgang kommen werde und dieses Wissen bliebe virtuell in uns bestehen, bis die Sonne wirklich aufgeht, so wäre die Ankunft des Zaid (Caius) bei Sonnenaufgang von und mit diesem Wissen gewusst, ohne dass ein neues Wissen dazu gekommen wäre. So müssen wir uns das ewige Wissen Allahs vorstellen.

9. Sein Wille ist ewig und bezieht sich von Ewigkeit her auf die Hervorbringung der Geschöpfe in ihrer Zeit , wie sie ihnen zukommt gemäss dem vorausgehenden ewigen Wissen. Denn wäre der Wille in der Zeit entstanden, so wäre Allah das Subjekt von zeitlichen Ereignissen, und bestünde der Wille nicht in Seinem Wesen, so könnte Er nicht wollen mit ihm, wie du dich nicht bewegen kannst mit einer Bewegung, die nicht in dir ist. Jedenfalls hätte dann Sein Hervortreten in der Zeit einen anderen Willen nötig, dieser wieder einen anderen und so in infinitum. Wenn aber ein Wille ohne einen Willen entstehen könnte, so könnte auch die Welt ohne einen solchen entstehen.

10. Allah ist wissend durch ein Wissen, lebend durch ein Leben, mächtig durch eine Macht, wollend durch einen Willen, redend durch ein Wort, hörend durch ein Hören und sehend durch ein Sehen. Diese Prädikate kommen Ihm zu auf Grund der genannten ewigen Eigenschaften. Zu behaupten, er sei wissend ohne Wissen, wäre ebenso ungereimt wie zu behaupten, es sei einer reich ohne Vermögen, oder es gäbe ein Wissen ohne einen Wissenden oder einen Wissenden ohne ein Gewusstes. Denn das Wissen, as Gewusste und der Wissende bedingen sich gegenseitig wie das Töten, der Tötende und er Getötete. Wie man sich unmöglich einen Tötenden ohne Töten und getöteten vorstellen kann oder einen Getöteten ohne einen Tötenten und ein Töten, so auch keinen Wissenden ohne Wissen und kein Wissen ohne Gewusstes und kein gewusstes ohne einen Wissenden, sondern diese drei hängen im Verstand untrennbar zusammen. Wer eine Trennung des Wissenden vom Wissen möglich hält, der muss auch seine Trennung vom Gewussten für möglich erklären und die Trennung des Wissens vom Wissenden, denn das Verhältnis zwischen diesen Attributen ist überall das gleiche.

 

III. Hauptstück

Von den Werken Allahs

1. Alles, was in der Welt entsteht, ist Allahs Schöpfung und sein Werk, es gibt keinen Schöpfer und Hervorbringer ausser Ihm. Er schuf die Menschen, ihre Kräfte und ihre Bewegungen. Daher sind auch alle Handlungen Seiner Diener von Ihm geschaffen und gehen auf Seine Macht zurück, wie Er selbst sagt: "Allah ist der Schöpfer jeglichen Dinges" (Sure 39,63), ferner "Allah hat euch geschaffen und das, was ihr tut" (Sure 34,97), ferner "Ob ihr eure Rede verbergt oder sie offenbart, Er weiss, was in der Brust ist. Sollte der kein Wissen haben, der der Schöpfer ist, und Er ist der Feine, der Kundige" (Sure 67,13,14). Er befiehlt Seinen Dienern, auf ihre Worte und geheimsten Gedanken zu achten, weil Er die Quellen ihrer Werke kennt, und Er beweist Sein Wissen aus Seinem Schaffen. Wie sollte Er auch nicht der Schöpfer der menschlichen Handlungen sein, da doch Seine Macht vollkommen ist und durch nichts beschränkt ? Die Handlungen gehen überdies auf eine Bewegung des menschlichen Körpers zurück. Nun aber gilt für alle Bewegungen dasselbe und sie hängen ihrer natur nach ab von der göttlichen Macht. Warum sollte sich also diese nur auf einige der Bewegungen erstrecken, auf andere nicht, da sie doch alle sich gleich verhalten ? Oder wie sollten die Tiere von selbst ihre Erfindungen machen, da doch von der Spinne, der Biene und anderen Tieren Werke von einer Feinheit ausgehen, die den mit Verständnis Begabten geradezu verblüffen ? Wie vermöchten sie derartiges allein ohne den Herrn der Herren, da sie von den Einzelheiten dessen, was sie hervorbringen, gar kein Verständnis haben ? Nein, nein, die Geschöpfe bedeuten nichts, der Herr des Himmels und der Erde herrscht unumschränkt in der Körper- und Geisterwelt.

2. Dass die Bewegungen des Menschen ausschliesslich von Allah hervorgebracht sind, schliesst nicht aus, dass sie dem vermögen des Menschen entstammen auf dem Weg der Aneignung. Allah schuf eben zugleich das vermögen und das Gewirkte, den Willen und das Gewollte. Das Vermögen ist ein Attribut des Menschen und eine Schöpfung Allahs, aber keine Aneignung von Seiten des Menschen. Die Bewegung hingegen ist von Allah geschaffen, wird aber zugleich vom Menschen ausgesagt und von ihm angeeignet. Denn sie wurde geschaffen als das Resultat eines Vermögens, das ein Attribut von Ihm ist. In der Bewegung liegt aber ausserdem eine Beziehung zu einer anderen Eigenschaft, die (ebenfalls) vermögen genannt wird. Mit Rücksicht auf diese Beziehung heisst sie Aneignung.  Wie sollte das auch reiner Zwang sein, da doch der Mensch notwendig den Unterschied erkennt zwischen der aus seinem Vermögen hervorgegangenen Bewegung und seinem naturnotwendigen (unwillkürlichen) Impulse ? Anderseits wie könnte jener Akt vom Menschen hervorgebracht sein, da dieser gar keine genaue Kenntnis von den einzelnen Elementen dieser angeeigneten Bewegung besitzt ? Wenn also beide Extreme unhaltbar sind, so bleibt für en Glauben nur der Mittelweg, d.h. die betreffende Handlung ist das Werk Allahs durch Verursachung und das Werk des Menschen durch eine andere Art der Abhängigkeit, die als Aneignung bezeichnet wird. Denn der Zusammenhang zwischen dem Vermögen und dem Gewirkten muss nicht notwendig der der Hervorbringung sein. So erstreckte sich die Macht Allahs von Ewigkeit her auf die Welt, ohne dass die Hervorbringung erfolgt wäre. Beim Schöpfungsakte selbst aber nimmt diese Beziehung des Vermögens zu einem Ding nicht notwendig darin besteht, dass dieses Ding ins Dasein tritt.

3. Die Handlungen des Menschen ist, wenn auch von diesem angeeignet, nichtsdestoweniger von Allah gewollt.  Es  gibt also in der Körper- und Geisterwelt keinen Augenaufschlag und keine Gemütsregung, ohne dass sie von Allah bestimmt und gewirkt, gewünscht und gewollt wäre. Von Ihm stammt das Gute und das Böse, Nutzen und Schaden, Islam und Unglaube, Bekenntnis und Leugnung, Seligkeit und Verdammnis, Irregehen und rechter Wandel, Gehorsam und Ungehorsam, Götzendienst und rechter Glaube. Keiner durchkreuzt Seinen Plan und vereitelt Seine Entschliessung. "Er lässt irregehen, wen Er will, und leitet recht, wen Er will." "Er wird nicht gefragt nach dem, was Er tut, sie aber werden gefragt" (Sure 21,23). Darauf deutet auch, um einen Autoritätsbeweis anzuführen, der der ganzen Gemeinde geläufige Satz hin :"Was Allah will, geschieht, und was Er nicht will, nicht",  ferner das Wort Allahs "Wenn Allah wollte, so leitete Er alle recht" (Sure 13,30), ferner:  "Und wenn dein Herr wollte, so würde Er die Menschen zu einem Volke machen" (Sure 11,120).

Diese Tatsache ergibt sich aus der Vernunft: Wenn Allah die Sünden und Missetaten verabscheute und nicht wollte, sondern lediglich nach dem Willen des Teufels -Allah verfluche ihn- verliefen, obwohl dieser doch der Feind Allahs ist und was nach seinem Willen geschieht, mehr ist, als was nach Allahs Willen verläuft; wie kann es ein Muslim für möglich halten, dass der mächtige König der Glorie zu einem  Range erniedrigt werde, den kein Ortsvorsteher sich gefallen liesse ? Denn wenn es im Dorf mehr nach dem Willen seines  Feindes als nach Seinem eigenen ginge, so würde er einfach das Vorsteheramt niederlegen. Nun ist aber die Sünde bei den Menschen das überwiegende, und das alles verläuft nach der Ansicht der Neuerer entgegen dem Willen Allahs. Das wäre doch der Gipfel der Ohnmacht und des Unvermögens. nein, der Herr der Herren ist hoch erhaben über eine so frevelhafte Behauptung. - Wenn aber klar ist, dass die Handlungeen der Menschen von Allah geschaffen sind, so ergibt sich, dass sie auch von ihm gewollt sind.

 Wollte man aber einwenden: Wie kommt es denn, dass Allah verbietet, was Er will, und befiehlt, was Er nicht will ? so antworten wir: Befehl und Wille sind zwei verschiedene Dinge, wie aus folgendem Beispiel klar wird: nehmen wir an, ein Diener werde von seinem Herrn geschlagen und der Fürst stelle diesen deswegen zur Rede. Der Herr entschuldigt sich damit, dass der Diener widerspenstig gewesen. Der Fürst glaubt ihm nicht und verlangt, der Herr solle dem Diener vor seinen Augen etwas zu tun befehlen, damit sich ergebene, ob er wirklich seinem Befehl sich widersetze. Da befiehlt der Herr dem Diener, er solle vor den Augen des Fürsten ein Tier satteln. Er befiehlt also hier etwas, was er tatsächlich nicht befolgt haben will, und zwar deshalb, weil sonst der Fürst seine Rechtfertigung nicht für stichhaltig ansehen würde. Wollte er aber seinen Befehl wirklich befolgt haben, so würde er sein eigenes Verderben wünschen, was ausgeschlossen ist.

4. Allah hat die Menschen geschaffen und ihnen Verpflichtungen auferlegt aus reiner Güte, ohne dazu genötigt zu sein. [Für das Verständnis dieses Absatzes ist zu beachten, dass "wajib" sowohl die physische und logische als auch die ethische Notwendigkeit (Verpflichtung) bezeichnet].

Nach der Ansicht der Mu'taziliten war Allah dazu verpflichtet, weil das zum Besten der Menschen diene. Aber das ist widersinnig, denn er ist der Verpflichtende, der befiehlt und verbietet, wie kann er da einer Verpflichtung unterworfen oder der Nötigung und einem Vorhalt ausgesetzt sein ? Denn das Wort Notwendigkeit bedeutet ein doppeltes: Erstens einen Akt, mit dessen Unterlassung ein Schaden in der anderen Welt verbunden ist, wie man sagt: Es ist notwendig für den Menschen, Allah zu gehorchen, oder ein Schaden in dieser Welt, wie man sagt: Der Durstige muss notwendig trinken, damit er nicht stirbt. Zweitens kann darunter etwas verstanden werden, dessen Gegenteil auf etwas Unmögliches hinausläuft, so z.B was von Allah vorausgewusst ist, muss notwendig eintreten. Denn wenn es nicht eintreten könnte, so würde das zu dem Widersinn führen, dass das göttliche Wissen Unwissenheit ist.

 Wenn der Gegner meint, dass das Schaffen eine Notwendigkeit im ersteren Sinne bedeutet, so muss er annehmen, dass Allah sonst einen Schaden erleide. Meint er aber im zweiten Sinne, so geben wir es zu. Denn nach dem Vorauswissen Allahs muss das gewusste notwendig existieren. Ein dritter Sinn, in welchem der Ausdruck Notwendigkeit verstanden werden kann ist nicht denkbar. - Ihre Behauptung, das sei notwendig zum Besten der Geschöpfe, ist haltlos. Denn wenn Allah die Sorge für das beste der Menschen unterlassen kann, ohne dabei einen Schaden zu erleiden, so hat das Wort notwendig in bezug auf ihn keinen Sinn. Ferner hätte das Beste der Menschen darin gelegen, dass er sie in der Seligkeit erschaffe, aber wenn er sie erschaff am Ort der Prüfungen und sie aussetzt den Sünden und preisgibt der Gefahr der Strafe und dem Schrecken der Rechenschaftsablegung, so liegt doch darin für einen, der gesunden Verstandes ist, keine Seligkeit.

5. Allah kann dem Menschen eine Verpflichtung auferlegen, die dieser nicht zu erfüllen vermag. Gegen die Mu'taziliten - Wenn Allah das nicht könnte, so hätte die Bitte keinen Sinn, er möge uns keine solchen Verpflichtungen auferlegen. Man pflegt doch zu bitten: "O Herr, leg' uns nicht auf, was wir  nicht tragen können" (Sure 2,286). Ferner sagte Allah dem Propheten voraus, dass Abu Dschahl ihm nicht glauben würde, befahl aber trotzdem dem Propheten, dass er von ihm für alle seine Aussprüche Glauben verlange. Unter diesen Aussprüchen befand sich aber der, dass er ihm nicht glauben werde. Wie konnte er ihm also glauben, dass er ihm nicht glaube ? Ist das nicht eine Unmöglichkeit ?

[ Imam Ashari (und Imam Ghazali) sagt  in einem seiner Herleitungen (Idschtihade) "Allahu teala  kann Seinen Dienern etwas befehlen wozu sie nicht imstande sind es zu tun." Imam Maturidi sagt in seinem Idschtihad, dass Allah es  nicht tut, d.h Er befiehlt Dinge wozu die Menschen imstande sind es zu tun. Nach dem Anschein gibt es grosses Unterschied. Imam Ashari sagt " Allahu teala ist absolut allmächtig ; hätte Er gewollt hätte Er Seinen Dienern Dinge befohlen die sie nicht tun könnten. Niemand hätte dagegen was sagen können. Nur Er hat aber nichts befohlen wozu die Menschen nicht zu tun imstande sind. Er hat auch mitgeteilt dass Er es nicht getan hat." Imam Maturidi lehrt : Da Allahu teala den Menschen nichts befohlen hat wozu sie nicht zu tun imstande sind und dies in ehrwürdigen Ayats (im Koran) mitgeteilt somit ist es nicht möglich dass Er solche Dinge befiehlt. Imam Maturidi und Imam Ashari sagen beide dass Allah absolut allmächtig ist. Ergebnis ist dasselbe der Glaubenssatz hierin ist dasselbe nur die Beweis und Argumentationsweise verschieden. So sind einige weitere Fälle wo die Glaubenssätze diesselben sind aber die Herleitung oder Ausdrucksweise verschieden sind.]

6. Allah könnte Seine Geschöpfe züchtigen ohne vorhergehende Verfehlung und ohne sie nachher zu entschädigen. [Ashariten geben zu dass dies spekulativ ist und Allah doch das Gute belohnen wird und das Schlechte bestrafen kann. Maturiden Sagen wäre diese Spekulation Wirklichkeit würde es Seiner Weisheit und wäre ein Unvollkommenheit welches auf Allah nicht zutreffen kann.] Gegen die Mu'ziliten  - Allah kann nämlich frei verfügen über sein Eigentum und es ist undenkbar, dass Er sein Verfügungsrecht überschreite. Denn die Ungerechtigkeit besteht in der Verfügung über das Eigentum eines andern. Solches ist aber bei Allah ausgeschlossen, da es für ihn kein fremdes Eigentum gibt, in das er ungerechterweise eingreifen könnte.

 Die genannte Möglichkeit wird bewiesen durch die Tatsächlichkeit. Denn das Schlechtsein der Tiere bereitet diesen Schmerzen, und was sie von seiten der Menschen an Qualen aller Art erleiden, geschieht ohne  vorausgehende Verschuldung. Wenn man sagen wollte, Allah werde sie wieder auferwecken und ihnen die Schmerzen, die sie gelitten, vergelten, ja Allah sei dazu verpflichtet, so antworten wir : Wer annimmt, Allah müsse jede Ameise, die zertreten, und jede Wanze, die zerdrückt worden ist, wieder zum Leben erwecken, um sie für die gehabten Schmerzen zu entschädigen, der hat gegen sich die Offenbarung und die Vernunft. Denn dass Allah zu einer solchen Wiedererweckung und Vergeltung genötigt wäre, weil er sonst einen Schaden davon hätte, ist widersinnig. Soll aber etwas anderes darunter verstanden sein, so haben wir bereits oben ausgeführt, dass ein anderer Sinn von Notwendigkeit nicht denkbar ist.

 

7 .Allah macht mit Seinen Geschöpfen was Er will. Er braucht also keineswegs auf ihr bestes bedacht zu sein, denn für Ihn existiert, wie wir dargetan haben, kein Muss und eine Notwendigkeit ist Ihm gegenüber nicht denkbar. "Er wird nicht gefragt nach dem, was Er tut, sondern sie werden gefragt" (Sure 21,23). Was würde denn ein Mu'tazilit, nach dessen Ansicht Allah das beste wählen muss, auf folgenden Fall antworten, wenn er ihm vorgelegt würde ? Nehmen wir an, es entstehe im Jenseits ein Disput zwischen einen Kind und einem Erwachsenen, die beide als Muslime gestorben sind. Allah hat nämlich den Erwachsenen eine Reihe von Stufen über das Kind gesetzt, weil er, nachdem er herangewachsen, eifrig gewesen ist im Glauben und in guten Werken, so dass Allah nach nach der Auffassung des Mu'taziliten zu einer solchen Rangerhöhung verpflichtet war. Wenn nun das Kind zu Allah spricht: "Warum hast du, O Herr, ihm einen höheren Platz angewiesen als mir ? und Allah antwortet: "Er ist gross geworden und hat sich hervorgetan in guten Werken", so wird das Kind entgegnen: "Mich hast du jung sterben lassen, du hättest mich aber länger leben lassen müssen, damit ich auch zum Vernunftgebrauch kommen und mich hätte hervortun können. Das ist ungerecht von dir, dass du ihm ein langes Leben gescheckt hast, mir aber nicht. Warum hast du ihm den Vorzug gegeben ? Allah erwidert: "Ich wusste eben, dass du in Götzendienst oder Sünden verfallen würdest, wenn du länger gelebt hättest. Deshalb war der Tod im Kindesalter für dich das Beste." Während Allah nach den Mu'taziliten in solcher Weise sich rechtfertigt, schreien die Ungläubigen aus den Schlünden der Hölle: "Hast du denn nicht gewusst, o Herr, dass wir im späteren Leben in Götzendienst verfallen würden ? Warum hast du uns denn nicht als Kinder sterben lassen ? Wir wollten uns gern mit einem geringeren Platz begnügen als wie ihn das muslimische Kind bekommen hat." Gibt es darauf eine Antwort ? Muss hier nicht einfach entschieden gesagt werden: die göttlichen Ratschlüsse sind hoch erhaben darüber, dass sie mit dem Wege der Mu'taziliten gewogen werden könnten

 Wollte man aber einwenden: Wenn Allah das Beste für den Menschen anordnen könnte, sie aber dennoch der Strafe schuldig werden lässt, so ist das schlecht und seine Weisheit unwürdig, dann antworten wir: Schlecht ist, was nicht dem Zweck angemessen ist, so dass ein und dasselbe schlecht sein kann in bezug auf eine Person und gut in bezug auf eine andere, wenn es dem Zweck der einen angemessen ist und den anderen nicht. So wird die Tötung einer Person von den Anverwandten als schlecht, von ihren feinden hingegen als gut befunden. Wenn aber unter schlecht das verstanden wird, was nicht dem Zweck des Schöpfers angemessen ist, so ist das widersinnig, denn Er verfolgt überhaupt keinen Zweck. Darum kann von "schlecht" bei Ihm ebensowenig die Rede sein wie von Ungerechtigkeit, insofern bei Ihm ebensowenig bei Ihm der Eingriff in eine fremde Rechtssphäre undenkbar ist. versteht man aber unter "schlecht", was dem Zwecke eines anderen zuwider ist, warum behauptet ihr, dass solches bei Allah undenkbar sein soll ? Ist das nicht vielmehr ein leerer Wunsch, während doch das Gegenteil bezeugt wird durch die von uns  angenommene Interpellation der Verdammten. - ferner versteht man unter einem Weisen einen solchen, der das Wesen der Dinge kennt und sie gemäss seinem Willen hervorzubringen vermag. Warum soll er aber dabei das beste im Auge haben müssen ? Der Weise bei uns sorgt nur für das beste in bezug auf sich selbst, um sich Ansehen in dieser und Belohnung in der anderen Welt zu verschaffen oder um von sich einen Schaden abzuwenden. All das ist auf Allah nicht anwendbar.

 

8. Die Erkenntnis Allahs und der Gehorsam gegen ihn sind Pflicht für den Menschen nicht durch Vernunftgebot, sondern durch positive Bestimmung Allahs. [ Imam Maturidi betont dass die Existenz Allahs mit Vernunft zu erschliessen ist, jedoch bedarf der Mensch ein Weg welches Allah zeigt worin Seine Zufriedenheit liegt. Imam Maturidi und Imam Ashari ( auch Imam Ghazali) stützen sich dabei auf Koranstellen und Hadithe)]

Gegen die Muta'ziliten . - Wenn die Vernunft den gehorsam verlangt, so tut sie das entweder, ohne einen Nutzen im Auge zu haben, und das ist ausgeschlossen, denn die Vernunft verlangt nichts Zweckloses, oder sie verlangt ihm wegen eines Nutzens und Zweckes.  Dass dieser Zweck sich auf Allah beziehe, ist ausgeschlossen, denn er ist erhaben über Zweck und Vorteil, sondern Glaube und Unglaube, Gehorsam und Ungehorsam sind für für Ihn indifferent.  Aber auch auf den Menschen kann dieser Nicht gehen, denn er hat in seinem gegenwärtigen Zustande keinen Vorteil davon, empfindet vielmehr das gebot als Last und muss seinetwegen auf die Befriedigung seiner Begierden verzichten. Im anderen Leben kann dieser Zweck aber auch nicht liegen, denn dort gibt es nur Lohn oder Strafe. Woher weiss man aber, dass Allah die Erkenntnis und den gehorsam belohnt und nicht vielmehr beide bestraft, da doch Gehorsam und Ungehorsam für ihn indifferent ist, da Er doch keiner Seite geneigt und von keiner bestimmt ist ? Nur aus der Offenbarung wissen wir, dass eine solche Unterschied von Dank und Undank daran erkennt, dass das eine mit Befriedigung, Freudigkeit und Lust verbunden ist, das andere nicht.

 Man könnte aber einwenden: Wenn wir also nur durch die Offenbarung verpflichtet sind, auf diese Dinge unser Augenmerk zur richten, anderseits aber die Offenbarung nicht feststeht, solange der für die Verpflichtung in Betracht kommende Mensch nicht davon Kenntnis nimmt, so könnte ja dieser zum Propheten sagen : "Die Vernunft verlangt nicht von mir, auf die Offenbarung mein Augenmerk zu richten. Solange ich aber das nicht tue, steht die Offenbarung für mich nicht fest; es fällt mir aber gar nicht ein, davon Kenntnis zu nehmen." Der Prophet könnte dagegen nichts erwidern.

 Auf diesen Einwurf antworten wir: Das ist geradeso, als wenn zu einem, der irgendwo steht, gesagt würde: " Hinter dir ist ein reissendes Tier und gehst du nicht von dort weg, so wird es dich töten. Wende dich nur um und schau hin, so wirst du finden, dass ich die Wahrheit spreche." Wenn nun der Betreffende erwidert: "Um sicher zu sein, dass du die Wahrheit sagst, müsste ich zuerst mich umwenden, aber ich werde mich nicht umwenden und hinsehen, solange es nicht sicher ist, dass du die Wahrheit sagst", so zeigt er damit, dass er nicht recht bei Sinnen ist und sich selbst dem verderben in die Arme werfen will; der andere, der ihn zurechtweisen wollte, hat davon keinen Schaden. In ähnlicher Weise ruft der Prophet uns zu: "Hinter euch ist der Tod und bei ihm sind die wilden Tiere und das berennende Feuer; wenn ihr euch nicht in acht nehmt und meine Wahrhaftigkeit anerkennt, indem ihr auf meine Wunder schaut, so seid ihr verloren. Wer sich umwendet, der erkennt, nimmt sich in acht und wird gerettet, wer sich nicht umwendet und auf seinem Trotz beharrt, der rennt in den Abgrund des Verderbens. Ich habe keinen Schaden davon, wenn alle Menschen zugrunde gehen, ich habe nur die Offenbarung über das Vorhandensein der reissenden Tiere nach dem Tode, wir verstehen kraft unserer Vernunft den Inhalt Seiner Worte, begreifen auch die Möglichkeit dessen, was er betreffs der Zukunft verkündet, und die Natur drängt uns , vor dem übel auf der Hut zu sein.

 Dass eine Sache Pflicht ist, will besagen, dass mit ihrer Unterlassung ein übel verbunden ist, und dass die Offenbarung verpflichtet, will besagen, dass sie auf das drohende übel aufmerksam macht. Die Vernunft allein führt nicht zu der Erkenntnis , dass die Befriedigung der Begierden ein solches übel nach dem Tode zur Folge hat. Das also ist der Sinn von Offenbarung und Vernunft und ihrer Bedeutung für die Bestimmung dessen, was Pflicht ist. Wäre nicht die Furcht vor der Sache  im Falle der Unterlassung des Gebotenen, so bestünde keine Verpflichtung, da Pflicht nichts anderes bedeutet als das, mit dessen Unterlassung ein übel in der anderen Welt verknüpft ist.

 

9.  Die Sendung der Propheten ist nicht vernunftwidrig. gegen die Brahmanen, welche die Ansicht vertreten, die Sendung von Propheten habe keinen Sinn, da die Vernunft allein ausreiche. - Denn die Vernunft führt nicht zur Erkenntnis der für das Jenseits verdienstlichen Handlungen, so wie sie auch nicht zur Erkenntnis der heilsamen Arzneien führt. [Gemeint sind Arzneien die durch Erfahrung und Erprobung heilen ohne dass man die Ursachen kennt]. Daher können die Menschen die Propheten ebensowenig entbehren, wie sie ärzte entbehren können, nur dass die Zuverlässigkeit des Arztes durch Erprobung, die des Propheten aber durch Wunder erkannt wird.

10. Allah hat Muhammed, den Hochgebeneideten, gesandt als das "Siegel der Propheten" (Sure 33,40), welcher die früher an die Juden, Christen und Sabier ergangenen Offenbarungen aufhebt. Er bestätigte ihn durch Wunder und aussergewöhnliche Zeichen: Es spaltete sich der Mond, die Steine verkündigten sein Lob, er machte die Tiere reden und Wasser träufelte aus seinen Fingern. Eines von seinen offenkundigen Wundern, womit er die Araber insgesamt in die ordentlichen Redefertigkeit vermochten sie es nicht, mit etwas ähnlichem wie der Koran ihm entgegenzutreten, und seine schöne Sprache zu verbinden mit der Erzählung alter Geschichten - dabei war der Prophet ein gewöhnlicher Mann aus dem Volke, der sich nicht mit Büchern abgab - und nachrichten überverborgene Dinge, die sich in der Zukunft als richtig erwiesen haben, so das Wort Allahs: "Ihr werdet die heilige Moschee, so Allah will, in Sicherheit betreten mit geschorenem Haupt und gestutztem Haar" (Sure 48,27), und das andere: "Besiegt ist Rom, im nächstgelegenen Land, aber sie werden, nachdem sie besiegt, wieder die Oberhand gewinnen nach wenigen Jahren" (Sure 30,1).

 Die Beweiskraft der Wunder für die Glaubwürdigkeit der Gesandten liegt darin, dass alles, was die Kräfte des Menschen übersteigt, ein Werk Allahs ist. Beruft sich also der Prophet gleichzeitig auf seine Sendung, so bedeutet das ebensoviel, als wenn Allah sagt: Du hast die Wahrheit gesprochen. Es verhält sich damit so, wie wenn ein Mann vor dem König stünde und den Untertanen gegenüber behauptete, er sei der Gesandte des Königs an sie. Nehmen wir an, er spreche zum König: "Wenn ich die Wahrheit rede, so erhebe dich dreimal vom Thron und setzte dich auf eine Weise nieder, wie du es sonst nicht gewohnt bist." Tut der König das wirklich, so ersehen daraus die Anwesenden mit Notwendigkeit, dass diese Handlungsweise ebensoviel bedeutet, als wenn er gesagt hätte: du sprichst die Wahrheit.

 

 

 

IV. Hauptstück

über die positiven Offenbarungen, und dass man dem Propheten glauben müsse in allem, was er verkündet

 

1. Die Auferweckung der Toten. Das ist eine geoffenbarte Wahrheit und der Glaube daran ist Pflicht, denn es liegt darin kein Widerspruch gegen die Vernunft. gemeint damit ist die Widerbelebung nach der Vernichtung, die ebenso in der Macht Allahs liegt wie die anfängliche Schöpfung. Im Koran heisst es: "Er spricht: Wer belebt die Knochen, nachdem sie vermodert? Sprich: Der wird sie beleben, der sie zum ersten Male geschaffen." (Sure 36,78).  Er beweist also die Wiederbelebung aus der anfänglichen Schöpfung. Ferner:  "Eure Schöpfung und Wiedererweckung ist wie die einer einzigen Seele." (Sure 31,27). Die Wiederbelebung ist ein zweiter Anfang, also ist sie möglich wie der erste Anfang.

2. Die Frage von Munkir und Nakir. Sie verschiedentlich (d.h mehrfach überliefert) in der Tradition bezeugt, also muss man daran glauben, denn sie ist möglich, da nichts weiter dazu erforderlich ist als die Zurückrufung des Lebens in einen teil des Körpers, der die Anrede verstehen kann, und das ist an sich möglich. Dem widerspricht auch nicht die offenkundige Tatsache, dass die teile des toten in Ruhe sind und wir die an ihn gerichtete Frage nicht hören. Denn auch der Schlafende ist äusserlich in Ruhe und empfindet innerlich Schmerz und Lust, deren Wirkungen er nach dem Erwachen gewahr wird. Der Prophet hörte Gabriel sprechen und nahm ihn wahr, seine Umgebung aber hörte ihn nicht und sah ihn nicht und sie merkten nichts von dem, was er gewahr wurde ausser dem, was er sie wissen wollte. Wem nämlich kein Hören und Sehen geschaffen wurde, der merkte nichts.

3.Die Pein des Grabes Sie ist offenbart. Allah spricht: "Das Feuer, sie werden ihm ausgesetzt früh oder spät. Und am Tage, wo die Stunde ersteht, sollt ihr die Familie Pharaos bringen in die ärgste Pein" (Sure 40,49) Vom Propheten und den Frommen Alten (Gefährten und ihre Folger) ist bekannt, dass sie um Bewahrung vor der Pein des Grabes gebeten haben. Sie ist möglich und der Glaube daran Pflicht. kein Gegengrund gegen diesen Glauben ist der Umstand, dass die Teile eines toten im Bauch von wilden Tieren und dem Kropf von Vögeln verstreut sein können. Denn was den Schmerz empfindet, das sind bei jedem fühlenden Wesen bestimmte Teile, deren Allah die Empfindung wiedergeben kann.

4.Die Wage. Sie ist Wirklichkeit. Allah spricht: "Wir stellen hin die gerechte Wage für den tag der Auferstehung" (Sure21,48), ferner "Und wessen Wage schwer  wird sein usw." (Sure 7,7.23,104.101,5) Die Sache ist so zu denken, dass Allah in den Blättern der Werke ein gewicht erschafft entsprechend dem Werte derselben vor Allah.  So wird den Menschen der Wert ihrer Handlungen bekanntgegeben, damit ihnen die Gerechtigkeit im Strafen und die Güte im verzeihen und im überreichen Belohnen offenbar werde.

5.Der Sirat. Er ist eine Brücke, gespannt über den Rücken der Hölle, feiner als ein Haar und schärfer als ein Schwert. Allah spricht: "Führt sie zum Sirat der Hölle und lasst sie stehen, dass sie gefragt werden" (Sure 37,23) Er ist möglich und der Glaube daran ist Pflicht. Derjenige, der den Vogel in der Luft kann fliegen lassen, kann auch machen, dass ein Mensch über den Sirat geht.

6.Paradies und Hölle sind bereits geschaffen. Allah spricht: "Eilt zur Verzeihung von eurem Herrn und zu einem Paradies, so breit wie Himmel und Erde, bereitet für die Fürchtigen vor Allah" (Sure 3,127) das Wort "bereitet" ist ein beweis dafür, dass sie bereits geschaffen sind. Und zwar ist diese Angabe in wörtlichem Sinne zu verstehen, da sie keinen Widerspruch enthält. Auch darf man nicht einwenden, es habe keinen Sinn, dass sie vor dem tag der Vergeltung seien geschaffen worden, denn "Allah wird nicht gefragt nach dem, was er tut, sie aber werden gefragt" (Sure 21,23).

7.Der rechtmässige Imam (Kalif,Regent) nach dem gesandten Allahs ist Abu Bekr, dann kommt Omar, dann Othman, dann Ali, Allah habe sie selig! Eine schriftliche Verfügung des Propheten betreffs des Imams existierte überhaupt nicht. Wenn es eine solche gegeben hätte, so hätte sie eher zum Vorschein kommen müssen als die von ihm herrührende Einsetzung der einzelnen Wali (Gouveneure) und Emire (Generäle) für das Heer in den verschiedenen Ländern. Wenn das letztere nicht verborgen blieb, wie hätte das erstere verborgen bleiben können ? Und war eine solche Verfügung bekannt, wie hat sie verschwinden können, dass sie nicht zu uns gekommen ist ?  Daher war auch Abu Bekr  nur durch Wahl und Huldigung Imam. Eine schriftliche Verfügung zugunsten eines anderen annehmen, das hiesse die Genossen (Gefährten des Propheten) insgesamt der Zuwiderhandlung gegen den Gesandten Allahs beschuldigen und von der allgemeinen lehre abweichen. Nur die Rafiditen (eine Schiiten-Gruppe) haben gewagt, derartiges auszusinnen. Die Leute der Sunna (Sunniten) aber halten daran fest, dass alle Genossen in dieser Hinsicht rein dastehen und alles Lob verdienen, wie sie auch Allah der Allerhöchste und sein Gesandter, der Hochgebeneidete, gelobt haben. Und was sich ereignete zwischen Mu'awija und Ali, Allah habe sie selig, war im Grunde nur eine verschiedene Beurteilung der Sachlage (Ijtihad) , nicht der ein Kampf um das Imamat von Seiten des Mu'awija. Ali glaubte nämlich, die Auslieferung der Mörder Othmans würde bei grossen Anzahl ihrer Stämme und ihrer Verbindung mit dem Heere die Verwirrung der Sache des Imamats in dessen Beginn zur Folge haben; er hielt daher eine Hinhaltung für das Angemessene.  Mu'awija hingegen meinte, die Hinhaltung dieser Sache würde bei der Ungeheuerlichkeit des Verbrechens zu einer Erregung  gegen die Imame und zur Blutrache führen. Nun sind aber die hervorragensten Religionsgelehrten der Meinung, jeder Mujtahid sei im rechte, während andere behaupten, nur einer habe recht. Kein einziger Gelehrter von Ansehen hat aber Ali Unrecht gegeben.

8. Der Vorrang der Genossen entspricht ihrer Reihenfolge im Chalifat, denn der wirklich Vorrang ist der Vorrang bei Allah, eine Sache, die nur dem Propheten Allahs bekannt ist. Eine Reihe von Koranversen und Traditionen enthalten ihr Lob. Die Feinheiten dieses Vorranges aber und ihr Reihenfolge darin verstehen nur jene, die Augenzeugen der Offenbarung und der damit verbundenen Begleitumstände gewesen sind. Hätten sie hiervon keine genaue Kenntnis gehabt so hätten sie nicht die Sache nicht in dieser Weise geordnet, denn sie waren Leute, die niemand in Sachen der Religion zu ... gewagt und die durch nichts vom rechten sich abbringen liessen.

9. Die Bedingungen für das Imamat sind ausser dem Bekenntnis zum Islam und der Zurechnungsfähigkeit folgende fünf: Männliches Geschlecht, Frömmigkeit, Wissenschaft, Tüchtigkeit und Zugehörigkeit zum Stamme Kuraish gemäss dem Ausspruch des Propheten: Die Imame sollen aus Kuraish sein. Sind mehrere vorhanden, auf die jene Eigenschaften zutreffen, so ist derjenige der Imam, dem von der Mehrheit gehuldigt wird. Wer die Mehrheit gegen sich hat, ist im Unrecht. Er muss zurückgewiesen werden und dem rechtmässigen Herrscher sich unterwerfen.

10. Wenn es bei dem, der das Imamat anstrebt, an der Frömmigkeit und dem Wissen fehlen sollte, andererseits aber bei seiner Zurückweisung der Ausbruch einer Revolution unvermeidlich wäre, so soll ihm unseres Erachtens das Imamat übertragen werden. Denn es ist nur ein .... möglich. Entweder wir beschwören durch eine andere Wahl eine Revolution herauf; der Schaden aber, der daraus dem Muslemin erwächst, überwiegt den Vorteil, der ihnen durch das fehlen der genannten Erfordernisse, die nur im Interesse des besseren Wohles festgesetzt sind. Es darf daher das Wohl selbst nicht auf das Spiel gesetzt werden aus blindem Eifer für das Bessere, denn das hiesse ein Schloss bauen und dabei eine Stadt zerstören. Oder wir müssen uns dafür entscheiden, dass das Land überhaupt ohne Imam bleibe und die Gesetze ausser Kraft treten, was unmöglich ist. übrigens sind nach unserer Ansicht auch die Entscheidungen unrechtmässiger Herrscher in deren Ländern rechtsverbindlich, weil es nicht anders geht. Wie sollten wir uns da nicht für die Gültigkeit des Imamats entscheiden für den Fall, dass ein dringendes Bedürfnis vorliegt ?

Diese vier Hauptstücke also, welche die vierzig Artikel enthalten, sind die Grundwahrheiten des Glaubens. Wer sich an sie hält, stimmt überein mit den Leuten der Sunna (Sunniten) und unterscheidet sich von der Rotte der Neuerer. Möge Allah der Allerhöchste uns leiten durch seine Gnade, dass wir zur Wahrheit kommen und sie bewahren durch seine Güte und überreiche Freigiebigkeit ! Der Segen Allahs sei über unserm Herrn Muhammed, seiner Familie und jedem Auserwählten !

 

  [ Englische übersetzung des ganzen Buches in : The Foundations of the Islamic Belief ]

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