Symbole der heiligen Wissenschaft
nach René Guénon

Schlüsselwörter:
Agnostizismus DescartesErkenntnisIntellektualität Katholiken
MaterialismusMittelalterMoralismusOkzidentalenOrientalen
PositivismusProtestantismus RationalismusReligionSentimentalismus
SymbolismusToleranzTraditionUnterbewußteWahrheit
Fragen zum Text:

01. Worin besteht die Anomalie der modernen Zivilisation?
02. Was ist eine wichtige Begleiterscheinung der materialistischen Entwicklung?
03. Welche zwei Irrtümer brachte der Verlust der wahren Intellektualität mit sich?
04. Womit glaubt man vermittelst des Unbewußten in Kontakt kommen zu können?
05. Inwiefern hat man den Begriff der Wahrheit herabgesetzt und begrenzt?
06. Worauf gründet sich das Mißtrauen der Orientalen btr. des modernen Menschen?
07. Auf welchen Prinzipien beruhte zB. die soziale Ordnung im Mittelalter?
08. Was versteht Guénon unter de-fakto Materialismus?
09. Womit verwechselt man die Religion?
10. Was ist das Wesentliche der Tradition und Religion?
11. Wodurch ist die Unterweisung der Lehre ersetzt worden?
12. Warum stehen Religion und Wissenschaft nicht wirklich in Konflikt?
13. Was ist die angebliche 'Religionswissenschaft' in Wirklichkeit?
14. Womit wird Intellektualität öfters verwechselt?
15. Wozu ist der Symbolismus ist gut geeignet?
16. Worin besteht die Reform der modernen Mentalität?

Symbole der heiligen Wissenschaft
René Guénon
Der traditionelle Symbolismus und einige seiner allgemeinen Anwendungsbereiche

Die Reform der modernen Mentalität

     Die moderne Zivilisation erscheint in der Geschichte als eine wirkliche Anomalie: von all denen, die wir kennen, ist sie die einzige, die sich in einem rein materialistischen Sinn entwickelt hat und die einzige, die sich nicht auf irgendein Prinzip höherer Ordnung stützt. Diese materialistische Entwicklung, die bereits seit mehreren Jahrhunderten vor sich geht, und die sich immer mehr beschleunigen wird, ist begleitet von einer intellektuellen Zurückbildung, die zu kompensieren ganz unmöglich ist. Es geht hierbei wohlverstanden um die wahre und reine Intellektualität, die man auch Geistigkeit nennen könnte. Wir weigern uns diesen Begriff dem geben, dem die Modernen es zumeist zugeschrieben haben: dem Bereich der experimentellen (Natur-) Wissenschaften und was deren praktischen Anwendungbereiche betrifft für die sie gebraucht werden. Ein einziges Beispiel soll erlauben, die Ausbreitung dieser Rückentwicklung abzuschätzen: Die "Summa Theologica" des heiligen Thomas von Aquin war seinerzeit ein Handbuch, das bei den Studenten im Umlauf war; wo sind heute die Studenten, die fähig wären, sich darin zu vertiefen und es in sich aufzunehmen?

     Dieser Verlust ist nicht mit einem Male aufgetreten, man kann die Etappen durch die ganze moderne Philosophie verfolgen. Dieser Verlust oder das Vergessen der wahren Intellektualität hat jene zwei Irrtümer ermöglicht, die sich nur scheinbar widersprechen, die in Wirklichkeit aber miteinander verbunden sind und sich ergänzen: den Rationalismus und den Sentimentalismus. Sobald man jede rein intellektuelle Erkenntnis ____ leugnete und ignorierte, wie das seit Descartes der Fall ist, mußte man logischerweise einerseits im Positivismus, Agnostizismus und in anderen "wissenschaftlichen" Verirrungen enden, andererseits in all jenen derzeitigen Theorien, die sich nicht mit dem Vernunftmäßigen begnügen, sondern die nach mehr suchen, die es aber beim Gefühl und Instinkt suchen, d.h. unterhalb der Vernunft und nicht über sie hinausgehend. Sie kommen dann dazu -wie z.B. William James- im Unterbewußten jenes Mittel zu sehen, mithilfe dessen der Mensch mit dem Göttlichen in Kontakt treten könne. Nachdem man zunächst den Begriff der Wahrheit so herabgesetzt hat, daß er nicht mehr als die einfache Vorstellung der sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit ist, wurde er schließlich durch den Pragmatismus mit dem Begriff der Nützlichkeit identifiziert, was die Wahrheit ganz und gar unterdrückte. Und tatsächlich, wozu nützt die Wahrheit in einer Welt, deren Streben bloß materieller und gefühlsmäßiger Art ist?

     Es ist hier nicht möglich alle Konsequenzen einer solchen Situation auszuführen, begnügen wir uns nur einige aufzuzeigen, unter anderem solche, die sich besonders auf den religiösen Gesichtspunkt beziehen. Zunächst sei jedoch darauf hingewiesen, daß das Mißtrauen und der Widerwille, den die anderen Völker, vor allem die Orientalen betreffend der Okzidentalen empfinden, zum großen Teil von daher rührt, daß diese ihnen im allgemeinen als Menschen ohne Tradition und ohne Religion erscheinen, was in ihren Augen eine Ungeheuerlichkeit darstellt. Ein Orientale kann sich keine soziale Organisation vorstellen, die nicht auf traditionellen Prinzipien beruht; für einen Muslim ist z.B. die gesamte Gesetzgebung bloß eine einfache Unterabteilung der Religion. So war es einst auch im Okzident, man denke an die Stellung des Christentums im Mittelalter; aber heute sind die Verhältnisse umgekehrt. In der Tat sieht man heute die Religion bloß als einen sozialen Tatbestand an. Statt die gesamte soziale Ordung mit der Religion zu verbinden, wird sie - wenn man ihr überhaupt noch einen Platz zugesteht, nur als eine der Elemente der sozialen Ordnung angesehen. Ach wieviele Katholiken akzeptieren diese Sicht ohne die geringste Schwierigkeiten! Es ist höchste Zeit gegen diese Tendenz zu reagieren - dies betreffend ist die Bejahung der sozialen Herrschaft des Christus eine besonders günstige Erscheinung; und um daraus eine Realität werden lassen, muß die gesamte gegenwärtige Geisteshaltung reformiert werden.

     Man sollte sich hierbei nichts vormachen - selbst jene, die sich aufrichtigerweise als religiös ansehen, haben zumeist eine nur sehr schwache Idee von der Religion; sie nimmt kaum wirksamen Einfluß - weder auf ihr Denken, noch auf ihr Handeln; so als wäre sie getrennt vom Rest ihres Lebens. Praktisch verhalten sich Gläubige und Nichtgläubige ungefähr gleichermaßen; die Bejahung des Übernatürlichen hat für viele Katholiken nur rein theoretischen Wert, und sie wären in großer Verlegenheit ein Wunder zuzugeben. Das könnte man einen praktischen, faktischen Materialismus nennen; ist dieser nicht gefährlicher als der offenkundige Materialismus, gerade weil jene, die von ihm betroffen sind, sich dessen überhaupt nicht bewußt sind?

     Andererseits ist die Religion für die Mehrheit nur eine Angelegenheit des Gefühls, ohne intellektuelle Tragweite; man verwechselt Religion mit einer vagen Religiösität, man reduziert sie zu einer Moral; man verringert so viel als möglich die Stellung der Lehre (d.h. Doktrin*), die ja trotz allem das Wesentliche ist und von dem der ganze Rest logischerweise nur eine Konsequenz ist. Was das betrifft ist der Protestantismus, der schließlich blosser "Moralismus" geworden ist, sehr repräsentativ für die Tendenzen der modernen Geisteshaltung. Man hätte jedoch Unrecht zu glauben, daß der Katholizismus nicht ebenfalls durch die gleichen Tendenzen beeinflußt worden wäre; sicherlich nicht in seinen Prinzipien, jedoch in der Art in welcher er gewöhnlich vorgestellt wird: unter dem Vorwand ihn der aktuellen Mentalität anzupassen, macht man die schlimmsten Zugeständnisse oder man ermutigt was man im Gegeteil energisch bekämpfen müßte. Wir wollen nicht die Verblindung jener betonen, die sich unter dem Vorwand der "Toleranz" zu unbewußten Komplizen und wirklichen Verfälschern der Religion machen, deren verborgene Absicht sie nie ahnen würden. Wir wollen hier nur nebenbei bemerken, wie oft ein bedauerlicher Mißbrauch mit dem Wort "Religion" getrieben wird: gebraucht man nicht fortwährend Begriffe wie die "Religion des Vaterlandes", "die Religion der Wissenschaft", "die Religion der Pflicht"?* Das sind nicht bloße Sprachfehler, es sind Symptome einer Verwirrung überall in der modernen Welt, denn die Sprache entspricht der Geisteshaltung und spiegelt sie wider; solche Aussagen sind jedoch mit dem wahren Sinn der Religion unvereinbar.

     Kommen wir jedoch zum aller Wesentlichsten: Wir wollen von der Schwächung sprechen, welche die Unterweisung in der Lehre erfahren hat. Sie ist fast ganz durch unklare Moralvorstellungen und Gefühle ersetzt worden, die vielleicht einigen mehr gefallen, die aber gleichzeitig jene, die intellektuelle Ansprüche stellen, bloß abstossen und entfremden. Trotz allem ist es auch heutzutage noch so. Der Beweis dafür ist, daß jene, die zahlreicher sind als man glauben könnte, diesen Mangel an Lehre -allem Anschein zum Trotz - bedauern; und wir sehen in der Tatsache, daß man sich heute von verschiedener Seite mehr als vor einigen Jahren darüber Gedanken macht ein günstiges Zeichen. Man hat sicherlich Unrecht zu behaupten, wie wir es oft gehört haben, niemand würde eine reine Ausführung der Lehre verstehen. Warum soll man erstens immer auf dem niedrigsten Niveau stehen bleiben, als ginge es darum mehr die Quantität als die Qualität in Betracht zu ziehen? Ist nicht das gerade eine Konsequenz jenes demokratischen Geistes, welcher einer der Aspekte der modernen Mentalität ist? Glaubt man zweitens, daß wirklich so viele Menschen unfähig sind sie zu verstehen, wenn man sie an eine Unterweisung in der Lehre gewöhnen würde? Sollte man nicht eher daran denken, daß jene die nicht alles verstehen, doch einen gewissen Gewinn behalten, der vielleicht größer ist, als man es vermuten könnte?

     Es ist uns vollkommen klar, daß sich dies wohl oder übel gegen gewisse Gewohnheiten richten wird, von denen man sich nur schwer befreit; und doch geht es hierbei nicht um Neuerungen, sondern - weit davon entfernt- ganz im Gegenteil geht es darum zu jener Tradition, derer man sich entledigt hat, zurückzukehren und wiederzufinden, was man leichtfertig hat verloren gehen lassen. Ist das nicht wertvoller, als dem modernen Geist ganz ungerechtfertigte Zugeständnisse zu machen, wie das zum Beispiel in so vielen apologetischen Texten geschieht? Dort bemüht man sich, die Lehre mit allen möglichen Hypothesen und mit weniger fundierten Aspekten der aktuellen Wissenschaft in Einklang zu bringen. Das geht fast so weit, daß man bereit ist, alles in Frage zu stellen, jedes Mal wenn diese sogenannten wissenschaftlichen Theorien durch andere ersetzt worden sind. Es wäre jedoch sehr einfach zu beweisen, daß die Religion und die Wissenschaft nicht wirklich in Konflikt stehen, aus dem einfachen Grund, daß sie sich nicht auf den selben Wissensbereich beziehen. Warum erkennt man nicht die Gefahr, die darin besteht, daß man für die Lehre, die ja unveränderbare und ewige Wahrheiten betrifft, Beweise in dem sucht, was am aller veränderlichsten und unsichersten ist? Und was soll man von jenen katholischen Theologen halten, die dermassen vom 'wissenschaftlichen' Geist beeindruckt sind, daß sie glauben in mehr oder weniger ausgeprägter Art und Weise über die Ergebnisse der modernen Exegese und Textkritik Rechenschaft abgeben zu müssen, wo es doch ganz leicht wäre - wenn man eine einigermassen sichere Grundlage in der Lehre hat, jene als null und nichtig zu entlarven. Wie kann es sein, daß man nicht bemerkt, daß die angebliche "Religionswissenschaft" so wie sie an den universitären Lehrstühlen unterrichtet wird, in Wirklichkeit nie etwas anderes gewesen ist, als eine Kriegsmaschine gegen die Religion und - allgemein gesagt - gegen alles was noch vom traditionellen Geist vorhanden ist? Und genau diesen wollen eben jene zerstören, welche die moderne Welt regieren und zwar auf eine Art, die nur in einer Katastrophe enden kann.

     Das zweifelsohne größte Hindernis jedoch ist jenes Mißtrauen betreffend der Intellektualität im allgemeinen, das man in den meisten katholischen und kirchlichen Kreisen begegnet. Wir sagen das größte, denn dies ist ein Zeichen des Unverstandes sogar bei jenen, deren Aufgabe es ist zu unterrichten. Sie sind vom modernen Geist derart beeinflußt, daß sie nicht mehr wissen was wahre Intellektualität ist. Gleich jenen Philosophen, von denen wir unten sprechen werden, so daß sie manchmal Intellektualität mit Rationalismus verwechseln. So spielen sie unabsichtlich ihren Gegnern in die Hände. Wir glauben nämlich, daß die Wiederherstellung der wahrhaften Intellektualität von oberster Bedeutung ist, und mit ihr der Sinn für die Lehre und für die Tradition. Es ist höchste Zeit aufzuzeigen, daß Religion mehr ist als eine Angelegenheit der gefühlsmäßigen Hingabe, mehr auch als moralische Vorschriften oder die Sitte des Tröstens der durch Leiden geschwächten Gemüter, daß man dort die "feste Nahrung" finden kann, von welcher der heilige Paul in seinem Brief an die Hebräer spricht.

     Hierzu gäbe es noch viel zu sagen, wir wollten jedoch nur sehr summarisch auf einige jener Punkte hinweisen, bei denen eine Reform nötig und dringend wäre. Schließlich eine Frage, die uns hier ganz besonders interressiert, nämlich warum trifft man auf so viel mehr oder weniger offene Feindschaft was den Symbolismus betrifft? Sicherlich deshalb weil es dabei um eine Ausdrucksweise geht, die heute der modernen Mentalität ganz fremd geworden ist und weil der Mensch natürlicherweise dazu neigt, dem zu mißtrauen was er nicht versteht. Der Symbolismus ist jedoch am besten geeignet, Wahrheiten höherer Ordnung zu erklären, also Wahrheiten religiöser und metaphysischer Natur, d.h. all das was der moderne Geist abstößt oder vernachlässigt. Er ist das Gegenteil des Rationalismus und alle seine Gegner - einige davon ohne es zu wissen - verhalten sich eben wie echte Rationalisten. Wenn nun der Symbolismus heute nicht verstanden wird, so sind wir der Meinung, daß das ein Grund mehr ist dies zu betonen, indem wir so vollständig wie möglich die wirkliche Bedeutung der traditionellen Symbole darstellen und indem wir ihnen ihre ganze intellektuelle Bedeutung zurückerstatten, anstatt daraus nur das Thema irgendwelcher gefühlsmässiger Ermahnungen zu machen, für die übrigens der Gebrauch des Symbolismus ganz unnütz ist.

     Diese Reform der modernen Mentalität mit allem was dazu gehört: Wiederherstellung der wahren Intellektualität und der traditionellen Lehre, die für uns nicht von einander getrennt sein können, ist sicherlich eine bedeutende Aufgabe. Ist das jedoch ein Grund sie nicht anzugehen? Im Gegenteil scheint uns eine solche Aufgabe eines der höchsten und wichtigsten Ziele zu sein, die man einer Gemeinschaft wie der Rayonnement intellectuel du Sacré-Coeur vorschlagen könnte. Dies umso mehr als alle unternommenen Anstrengungen in diesem Sinne notwendigerweise auf das Herz des inkarnierten Wortes gerichtet sind, der geistigen Sonne und des Zentrums der Welt, "in welchem alle Schätze der Weisheit und der Wissenschaft verborgen sind", nicht jener nichtigen, profanen Wissenschaft, die allein bekannt ist bei der Mehrheit unserer Zeitgenossen, sondern der wahren, heiligen Wissenschaft, welchen jenen, die sie - wie es sich gehört - studieren ungeahnte und wirklich unbegrenzte Horizonte eröffnet.

(Diese Ausdrücke stammen aus den 30-ger Jahren, als dieser Artikel verfaßt wurde; Anm d Übs.)     Zur Textstelle

(Der Begriff Lehre wurde hier statt des - durch Vorurteile und Mißbrauch verdrehten - Begriffes Doktrin verwendet; Anm d Übs.)     Zur Textstelle

Aus der Einleitung von Symboles de la Science Cacrée; Guénon, René Paris 198x; Zuerst publ. 1935

Ein Text über `aql - Intelligenz wie sie traditionell im Islam verstanden wird: turkseven/aql.html






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