GOTT VERSTEHEN

GOTT VERSTEHEN

Ibn 'Arabi, die Erben der Propheten; WC Chittick 1

Das altehrwürdige Prinzip der islamischen Tradition ist folgendes, gemäss dem prophetischen Hadith: "Gott schuf Adam in seiner eigenen Form" 2
Eine Variante lautet:

Khalaqa Adam 'ala Surati r-Rahman3

Das Wort Sura wird besser übersetzt mit 'Form' anstelle von 'Bild', um Missverständnisse zu vermeiden.4 Es wird in der islamischen Philosophie im aristotelischen Sinne verwendet, im Gegensatz zu Materie. In der islamischen Tradition wird dises Wort Sura für das Aussehen der Dinge verwendet, im Gegensatz zu ihrem "Sinn" oder "Bedeutung" (ma'na). Letzteres bezieht sich auf die unsichtbare Realität der Dinge, oder ihre geistige Substanz und diese ist der Anlass ihrer Erscheinung in der äußeren, sichtbaren Welt.

In Bezug auf das Wort "Bild" dient es gut als alternative Übersetzung des Wortes "khayal", das wir in der Regel mit "Phantasie" oder "Vorstellungskraft" übersetzen. Khayal ist nicht nur unsere subjektive Fähigkeit, sich etwas vorzustellen (einzubilden), sondern auch die objektive Realität der Bilder in der Welt, wie die Reflexionen in einem Spiegel.5

In einer Hinsicht ist Gott, Allah, unendlich jenseits allen Verständnisses und die richtige Antwort auf Ihn ist Schweigen. In anderer Hinsicht offenbart Er sich den menschlichen Geschöpfen (Formen), und Er tut dies auf grundlegend zweierlei Art und Weise:


1.

Erstens zeigt Er, dass Er nicht begriffen oder offengelegt werden kann (His undisclosability) und damit gelangen wir zur Einsicht, dass wir keine Kenntnis von Ihm erlangen können. Dies ist der Weg der negativen Theologie, den Scheich Muhyiddin Ibn 'Arabi häufig einschlägt. Dh. es ist einfacher für uns zu sagen, was Gott, Allah, nicht ist, als zu sagen, was Er ist.


2.

Zweitens offenbart sich Gott, Allah, dem Menschen durch die heiligen Schriften, durch das Universum und die eigene Seele.6 In dem Maße, in dem Er dies tut, können die Menschen Ihn kennen und tun das auch tatsächlich.


Vernunft - Phantasie

Shaykh Muhyiddin Ibn 'Arabi nennt die Modalität des Bewusstseins, welches die Unenthüllbarkeit Gottes (His undisclosability) erkennt "Vernunft", und die Modalität des Bewusstseins, welches Seine Selbst-Offenbarung begreift, nennt er "Phantasie," oder "Vorstellungskraft" (khayal). Die "Enthüllung" wird dann vollständig aktualisierte und realisierte Fantasie, welche die göttliche Wirklichkeit in ihren Bildern erkennt. Das rationale Denken drückt cc?? Gott weit weg, während die Phantasie (khayal) Ihn nahe kommen lässt; die Vernuft begreift Gott als abwesend, aber die Enthüllung erkennt Ihn als anwesend.


tanzíh - tashbih

Wenn die Vernuft(’aql)7 Gottes Unnahbarkeit begreift, beteuert sie Seine "Unvergleichbarkeit" (dass Gott mit nichts gleichzusetzen ist - tanzíh). Wenn die Phantasie Ihn als anwesend anerkennt, beteuert sie Seine "Ähnlichkeit" (tashbih). Lange vor Shaykh Muhyiddin Ibn 'Arabi, war es normal für die meisten Abteilungen der islamischen Theologie Gottes Unvergleichbarkeit (oder Transzendenz) geltend zu machen; Seine Ähnlichkeit (oder Immanenz, tashbih) zu behaupten, kam am häufigsten vor in Sufischen Ausführungen der islamischen Lehre, vor allem in der Poesie. Shaykh Muhyiddin Ibn 'Arabis Beitrag war es, die Notwendigkeit zu betonen, ein angemessenes Gleichgewicht zwischen beiden Arten des Verstehens von Gott, Allah zu gewährleisten.

Der Mensch ist daher durch das Sehen mit "beiden Augen" in der Lage, das Gleichgewicht zwischen Ähnlichkeit und Unvergleichbarkeit (Gottes) zu gewährleisten, das heißt, sowohl mit Hilfe der Vernunft wie auch mit der Vorstellungskraft (Phantasie - khayal). Können wir nicht Gott, die Welt und uns selbst mit der vollen Vision (Sichtweise) beider Augen sehen, so werden wir auch nicht in der Lage sein, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Der Ort einer solchen Sichtweise ist das Herz, dessen Schläge einen ständigen Wechsel von (der Sicht des) einen Auges auf das andere symbolisiert, notwendig geworden durch die göttliche Einheit, die eine gleichzeitig zweigeteilte Sichtweise ausschließt.

Mensch zu sein heisst daher, ein göttlicher Selbst-Ausdruck (Self-Disclosure) zu sein, in dem sich jeder Name Gottes - jede echte, im Kosmos existierende Qualität, jedes Attribut des absolut Wahren (al-Haqq) - manifestieren und erkannt werden kann. Die menschliche Form ist sowohl von Gott verschieden (unvergleichlich) als auch mit Ihm identisch (ähnlich). Ein korrektes Verständnis der Situation verlangt das Sehen mit beiden Augen.

Die muhammadanische Erben und großartigen Freunde Gottes (awliyá) unterscheiden sich von gewöhnlichen Menschen in der Klarheit ihrer Vision und der Angemessenheit ihrer Tätigkeit. Sie haben die Form, in der sie erschaffen wurden, verwirklicht, so dass sie die Realitäten in richtigem Verhältnis begreifen können, und sie reagieren auf jede Situation so wie Gott - der All-Barmherzige reagieren würde8, gemäss dem Wissen Seines Dieners, basierend auf dem Beispiel unseres Meisters, des Propheten Muhammad (sallallahu `aleihi wa sallam).


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2013-11-02 vs.1.4; vom 2013-05-22 [Neue Texte ] [deutsch]


  1. Ibn ’Arabi, Heir to the Prophets; W. C. Chittick; Series: Makers of the Muslim World; Oxford, England 2005. ; Text was shortened and edited. PDF here: http://sufibooks.info/IbnArabi/Ibn-Arabi-Heir-to-the-Prophets.pdf

  2. Abu Huraira reported Allah’s Messenger (may peace be upon him) said: Allah, the Exalted and Glorious, created Adam in His own image. Sahih Muslim Book 40, number 6809.

  3. Allah says: {I created the Jinns and humankind only that they may worship Me.} Surah 51-56, meaning “that they may know Me” as Ibn ’Abbás (rdya) explained it.}

  4. Quran: { We will soon show them Our signs in the Universe and in their own souls, until it will become quite clear to them that it is the truth. Is it not sufficient as regards your Lord that He is a witness over all things?} Surah 41-53

  5. Mehr über khayyal kommt bald hier: [link], inshah Allah.

  6. “That is you can see the Divine Attributes in yourself: His power, His creation, knowledge, wisdom, because the fingerprints of His Attributes are in His creation,”[link] as explained by one of the recent shuyúkh.

  7. “In dem Masse in dem Gottes Wesen von den Welten unabhängig ist, ist der Kosmos nich Er, (dh. der Kosmos ist nicht Gott), aber in dem Masse, in dem Gott frei Relationen mit den Welten eingeht - durch Attribute wie zB. Kreativität und Generosität wird der Kosmos Ihn manifestieren.”
    “Würden wir was auch immer im Universum untersuchen, so ist doch Gott davon unabhängig und unendlich erhaben darüber. Er ist ”unvergleichlich” (tanzíh ) mit jedem Ding und allem. Aber gleichzeitig weist jedes Ding ein oder mehrere von Gottes Attributen (Eigenschaften), und in dieser Hinsicht muss das Ding in dieser Hinsicht irgendwie “ähnlich” (tashbíh ) sein mit Gott.” Sufi Path of Knowledge, Ibn al-‘Arabi’s Metaphysics of Imagination; W. C. Chittick; New York 1989

  8. “Allaah created Adam in His own image”. [link]